The Neon Cathedral

Bis letztes Jahr

“Triple Chocolate Mocha für Alice!”

Alice ließ den Stift fallen und ging zum Tresen. Sie lächelte der Barista zu und trug die hohe Tasse mit der Sahnehaube zu ihrem Tisch. Sie schob das Mathebuch etwas zur Seite, um Platz für den Kaffee zu schaffen. Bis jetzt waren die Hausaufgaben durchaus machbar, aber sie hatte gehört, dass sich das noch ändern würde. So oder so half es, in der richtigen Atmosphäre mit sicherer Koffein- und Zuckerzufuhr an die Sache heran zu gehen. Sie wollte sich gerade wieder setzen und noch ein paar Polynome zerlegen, da fiel ihr ein Junge auf, der zwei Tische weiter saß. Auch er hatte Bücher und Papier vor sich. Er war über einen Schreibblock gebeugt, was seine schwarzen Haare dazu veranlasste, ihm in die Augen zu rutschen. Ihr Herz machte einen kleinen Sprung, als sie sah, dass er ein Drag Stettson T-Shirt trug. Stettson waren seit ein paar Monaten Alice’ absolute Lieblingsband. Sie glaubte, auf seinem Tisch ebenfalls ein Höhere-Mathematik-Buch liegen zu sehen. Kurzerhand nahm sie ihre Kaffetasse und ging in seine Richtung. Als sie näher kam, konnte sie zum einen erkennen, dass er tatsächlich das gleiche Mathematikbuch hatte wie sie, und zum anderen, dass er ziemlich süß aussah.

“Aufgabe vier ist eine Fangfrage. Da lässt sich gar nichts zerlegen, wenn du mich fragst.”

Er sah auf. Seine hellgrünen Augen musterten sie kurz. In Alice’ Magen kribbelte es.

“Wenn du das so sagst, kriege ich Lust, zu wetten.” Er grinste. “Ein Eis? Wenn ich keine andere Lösung finde, zahle ich. Wenn ich das Polynom zerlegen kann, zahlst du.”

Alice musste lachen. “Abgemacht. Übrigens, ich mag dein T-Shirt.”

“Ah, Mathe-Genie und auch noch Geschmack! Dann sehe ich dich vermutlich beim Konzert in zwei Wochen?”

“Könnte schon sein”, räumte Alice ein.

“Ich heiße übrigens Robert. Und ich brauche noch deine Telefonnummer, damit ich Bescheid sagen kann, wenn ich die Lösung für Aufgabe vier habe.”

“Alice.” Sie schnappte sich einen Stift von seinem Tisch und krakelte ihre Nummer auf seinen Schreibblock. “Viel Glück”, fügte sie schmunzelnd hinzu, drehte sich um und ging zu ihrem Tisch zurück. Sie nahm einen großen Schluck Chocolate Mocha und genoss das immer noch anhaltende Kribbeln in ihrem Bauch.


Die Wolken wurden dunkler. Alice hoffte, dass das Wetter noch halten würde, bis die Türen geöffnet wurden. Sie hatte keine Jacke mitgenommen, damit sie nichts an der Garderobe abgeben musste. Das Wetter konnte natürlich die erwartungsvolle Stimmung nicht trüben, die unter den Konzertbesuchern herrschte. Es waren noch zwanzig Minuten bis zum Einlass und zehn Minuten nach dem vereinbarten Treffpunkt. Gerade wollte Alice zum wiederholten Mal auf ihr Handy schauen, da sah sie Robert endlich die Straße herunter kommen. Ein freudiges Grinsen schlich sich auf ihr Gesicht. Das Date in der Eisdiele, das sie bei seiner Pseudo-Wette gewonnen hatte, war super gewesen. Sie hatten sich sehr gut verstanden und Alice hatte sich noch mehr als sowieso schon auf das Drag-Stettson-Konzert gefreut.

“Tut mir Leid, dass ich zu spät bin!”

“Nicht so schlimm. Ich hab mir inzwischen schon mal meine Wunsch-Setlist überlegt. Willst du sie hören?”

“Ich …” begann Robert.

“Als erstes”, unterbrach ihn Alice, “spielen sie bestimmt ‘Torment’. Und dann …”

“Oder ‘Burst’”, warf Robert ein.

“Dann ‘Bleed Out’, das passt thematisch und vom Tempo her. ‘Burst’ ist zu komplex als Opener.”

“Lang nicht so komplex wie ‘Frantic’.”

Alice runzelte die Stirn. “Was bitte ist ‘Frantic’? Auf welcher Platte soll das denn sein?”

“Auf der … auf der aktuellen.”

“Auf ‘Veil of the Banshee’ ist unter Garantie kein Song namens ‘Frantic’. Und auf den anderen beiden …” Sie ging sie kurz im Kopf durch. “… auch nicht.” schloss sie.

Robert fuhr sich durchs Haar und sah auf den Boden. “Da hab ich wohl was verwechselt.” murmelte er.

“Wie? Gar keine Wette?” stichelte Alice.

Robert bemühte sich, das Thema zu wechseln. “Ich weiß gar nicht, wieso sie immer hier spielen. Es gibt doch mindestens zwei, drei Locations in ähnlicher Größe, aber mit besserer Akustik.”

Alice tat ihm den Gefallen. “Die sind vermutlich auch doppelt so teuer.”

“Mag sein. Aber ich würde auch ein paar Euro mehr zahlen, wenn der Sound dafür besser ist.”

“Gleich kannst du die mittelmäßige Akustik in vollen Zügen genießen. Wenn mich nicht alles täuscht, machen sie gerade die Türen auf.”


Alice sah abwechselnd auf die Uhr und zum Eingang. Der Kurvendiskussion, die der Professor vorne zelebrierte, lauschte sie nur mit einem Ohr. Vielleicht tauchte Robert ja doch noch auf? Doch die Türen blieben hartnäckig zu. Schließlich griff sie zu ihrem Handy.

Bin in der Vorlesung. Könnte Gesellschaft gebrauchen.

Seine Antwort kam nach wenigen Sekunden.

Sorry, hab’s wieder nicht geschafft. Muss Zeug erledigen.

Alice zog einen Schmollmund und ärgerte sich dann, dass Robert es nicht sehen konnte.

Warst du überhaupt schon mal in der Vorlesung? Langsam glaube ich, du studierst gar nicht wirklich.

Sie wartete nicht auf eine Antwort, sondern legte nach:

Kommst du wenigstens zur Party heute Abend?

Eine endlose Minute verging, bevor er zurück schrieb.

Heute ist schlecht. Lass uns morgen was zu zweit machen.

Alice seufzte. Sie hatte schon so etwas erwartet.

Das hast du bei der Tiermediziner-Party auch gesagt. Und Clarissas Geburtstagsfeier hast du auch verpasst. Komm schon, ab und zu mal unter Leute zu gehen wird dich schon nicht umbringen.

Vermutlich nicht. Aber heute klappts nicht. Ich machs morgen wieder gut, versprochen.

Enttäuscht legte Alice das Handy zur Seite und versuchte, bei der Kurvendiskussion den Faden wieder aufzunehmen.


Robert stieß die Tür auf und ließ Alice zuerst eintreten. “Willkommen in meinem Reich.”

Sie gingen durch eine winzige Diele in ein großes Zimmer. Vielleicht wirkte es auch nur groß, weil fast nichts darin war. An der linken Wand lag eine nicht mehr ganz neue Matratze, die vermutlich sowohl als Sofa als auch als Bett diente. Gegenüber standen zwei größere Pappkartons. Mehr Einrichtung gab es nicht, wenn man von einer alten Stehlampe absah. Eine Tür führte in eine kleine Küche, eine weitere wahrscheinlich in ein Bad. Ein Fenster in der rechten Wand ging zum Innenhof.

“Hübsch”, behauptete Alice.

Robert zuckte mit den Schultern. “Ist noch im Aufbau.”

An der Wand gegenüber hingen mehrere Zeichnungen. Sie trat näher. Die Bilder zeigten Tiere - ein Pferd in vollem Galopp, ein fliegender Falke, eine erstaunlich detaillierte Ameise. “Hast du die gezeichnet? Die sind echt gut.” Sie zeigte auf einen Löwen mit Flügeln und einem Skorpionschwanz. “Da hast du aber etwas geschlampt. So was habe ich noch nie gesehen.”

“Ein Mantikor. Bei mir zu Hause eine echte Plage.”

“Sehr witzig. Warum steht da überall RAF drunter?”

“Keine Angst, ich bin kein Terrorist, das sind nur meine Initialen. Robert Anton Friedmann.”

Neben der Matratze lagen drei Bücher. Eines war ein dickes Physik-Lehrbuch über die Relativitätstheorie. Sie schob es beiseite und sah sich die anderen beiden an. “‘Die Frau des Zeitreisenden’”, las sie vor. “Da gibt es doch auch einen Film, oder? Ich glaube, den habe ich mal gesehen.”

“Das Buch ist besser.”

“Und was ist ‘Wir sehen uns gestern Abend’?”

Robert winkte ab. “Auch so ein Science-Fiction-Ding. Hab’s noch nicht gelesen.”

Alice überflog den Klappentext. “Auch was mit Zeitreisen anscheinend.”

“Ja, da bin ich gerade ein bisschen drauf hängen geblieben. Was liest du so?”

“Im Moment ‘Drei Jahre Herbst’ von Patrick Zink.”

Robert nickte. “Ah, das ist klasse.”

“Schon gelesen? Das ist gerade erst raus gekommen.”

“Ja”, sagte Robert schlicht. “Ach, wie unhöflich von mir”, fügte er hinzu. “Setz dich doch.” Er zeigte auf die Matratze. “Möchtest du was trinken? Ich habe Wasser… und Gin. Aber ich muss schauen, ob noch Tonic da ist.”

“Nein, danke.” Alice ließ sich auf die Matratze fallen und klopfte mit der Hand auf eine Stelle neben sich. “Komm lieber her und zeig mir, was dein Sitzmöbel so drauf hat.”


“Du, wegen heute Abend…”

Alice stöhnte. “Lass mich raten: Du kommst nicht? Das ist nicht dein Ernst, oder? Was ist denn schon wieder so dringendes dazwischen gekommen? Nein, ich will es überhaupt nicht wissen. Mir reicht es langsam. Immer, wenn wir irgendwas mit meinen Freunden machen wollen, hast du keine Zeit, oder keine Lust, oder was weiß ich. Bin ich dir peinlich? Willst du nicht, dass wir zusammen gesehen werden? Oder findest du meine Freunde so schrecklich? Ach warte, du kennst sie ja gar nicht, weil du sie nie siehst! Ich mache auch echt gerne etwas nur mit dir alleine, aber wenn du nicht an meinem sozialen Leben teil haben willst, dann weiß ich nicht, ob das mit uns beiden einen Sinn hat.”

“Es tut mir echt Leid. Ich habe im Moment echt viel um die Ohren. Nächstes Semester wird es besser, das verspreche ich.”

“Nein, Robert, ich habe echt keine Lust mehr auf diese Ausreden. Entweder hörst du auf, dich zu verstecken, oder wir lassen das Ganze.”

“Willst du etwa Schluss machen? Das geht nicht. Das ergibt doch keinen Sinn.”

“Keinen Sinn? Glaubst du mir etwa nicht, dass ich es ernst meine?”

“Nein, so war es nicht gemeint. Ich habe echt nichts gegen deine Freunde. Ich schaue heute Abend kurz vorbei, OK?”


“Zwei Monate!” jammerte Alice. “Wie soll ich das überstehen?”

Robert starrte weiter schweigend auf die Lichter der Stadt. Es war noch warm, obwohl es schon seit einer Weile dunkel war. Der Sommer bewegte sich auf seinen Höhepunkt zu.

“Warum habe ich das nur so geplant? So viel ist zu Hause nun auch nicht los.”

“Hier aber auch nicht.”

“Ja, stimmt schon”, gab Alice zu. “Die meisten fahren in den Semesterferien heim. Und du müsstest natürlich auch hier bleiben, sonst bringt es ja auch nichts.”

“Hm”, brummte Robert.

Alice drehte sich zu ihm. “Was ist denn los? Du sagst kaum was.”

“Nichts.” Er zuckte mit den Schultern. “Ich finde es nur auch blöd, dass wir uns acht Wochen lang nicht sehen werden.”

Alice seufzte. “Und wenn wir uns beim Meatgrinder treffen? Ich habe eh überlegt, ob ich dieses Jahr wieder hin gehe.”

Robert runzelte die Stirn. “Nein, lass das lieber. So ein Festival kann recht gefährlich sein. Wenn sie die Fläche vor der Bühne falsch dimensionieren, und dann ein Unwetter oder so was kommt…”

“Hä? So ein Quatsch.”

“Doch, ist schon passiert.”

“Kann sein. Aber das ist ja, als ginge man nicht mehr auf die Straße, weil mal jemand von einem Auto überfahren worden ist.”

“Ich will dich einfach nur im Oktober in einem Stück wieder sehen.”

“Ja, sorry, ich dich ja auch.”


Laaaangweilig. Vermisse dich!

Robert antwortete nicht gleich. Alice starrte zwei Minuten auf den Chat, dann drehte sie sich auf den Bauch, schob das Kopfkissen weg und wechselte zum Newsreader. Eine Meldung über Drag Stettson fiel ihr ins Auge, und sie tippte sie an. Was sie las, verbesserte ihre Laune ein wenig. Das neue Album würde im September erscheinen, und nächste Woche sollte die erste Single-Auskopplung, “Frantic”, heraus kommen. Sie stutzte. Irgendetwas kam ihr an dem Titel bekannt vor. War das nicht ein älteres Stück? Nein, das wüsste sie. Egal. Sie genoss die Vorfreude und legte das aktuelle Album “Veil of the Banshee” auf. Sie hatte alle Stettson-Alben auf Vinyl. Manche schworen ja, dass Schallplatten den besseren Klang hatten, aber Alice mochte hauptsächlich das haptische Erlebnis, die große, schwarze Scheibe in die Hände zu nehmen und auf den Plattenteller zu legen, und den Moment, wenn der Tonabnehmer die Rillen traf und ein Knacken den Beginn der Musik ankündigte. Zu den sphärischen Klängen des Intros wandte sie sich wieder den Nachrichten zu. Sie scrollte durch ein paar langweilige Titel, dann sah sie etwas über das Meatgrinder-Festival. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, als sie die Schlagzeile las: “Tote bei Industrial-Festival”. Mit angehaltenem Atem überflog sie die Meldung. Anscheinend hatten sich zu viele Leute vor der Hauptbühne aufgehalten, und als ein Sturm aufgekommen war und mehrere Lautsprecher in die Menge gefallen waren, hatte es eine Panik gegeben, bei der mehrere Festivalbesucher ums Leben gekommen waren. Alice war heilfroh, dass sie doch nicht hin gegangen war. Gleichzeitig dachte sie daran, wie Robert sie vor genau so etwas gewarnt hatte. Sie hatte ihn nicht ernst genommen. Sie war nur nicht hin gegangen, weil sie sonst Sandras legendäre Sommerparty verpasst hätte. Nicht auszudenken, wenn sie doch hin gegangen wäre… Anscheinend hatte Robert recht gehabt, und so etwas passierte öfter, als sie dachte.


Alice drückte wie besessen immer wieder auf den grünen Knopf neben der Zugtür. Diese war davon wenig beeindruckt und ließ sich endlos Zeit damit, sich zu öffnen. Dabei war sie das letzte, das Alice noch davon trennte, Robert endlich wieder zu sehen. Wusste die blöde Tür das denn nicht? Die Semesterferien hatten sich endlos hin gezogen. Natürlich hatte sie mit Robert telefoniert und geschrieben und so weiter, aber das war einfach nicht das selbe. Doch jetzt war es endlich so weit. Mit einem Zischen gab die Tür endlich den Weg auf den Bahnsteig frei, und Alice sprang hinaus. Sie sah nach links und rechts und hielt nach Robert Ausschau. Er hatte geschrieben, dass er sie am Bahnhof treffen würde. Noch konnte sie ihn nicht entdecken. Sie wartete kurz, und als er nicht auftauchte, beschloss sie, in die Haupthalle zu gehen. Vielleicht wartete er dort. Das Kribbeln in ihrem Bauch erinnerte sie an ihre erste Begegnung im Café vor fast einem Jahr, und sie musste lächeln. Auch in der Haupthalle sah sie Robert nicht sofort. Wo steckte er nur? Unruhig tapste sie vor dem Zugang zum Gleis hin und her. Sie sah auf ihr Handy - keine Nachrichten. Sollte sie ihn anrufen? Nein, bestimmt kam er nur ein paar Minuten zu spät. Sie versuchte, sich zu gedulden, und sah trotzdem alle halbe Minute auf ihr Telefon. Da entdeckte sie ihn. Er kam aus der Richtung des Nordeingangs. Ihr Herz schlug noch schneller, wenn das überhaupt möglich war. Sie rannte auf ihn zu. Doch nach ein paar Schritten wurde sie wieder langsamer. Irgendetwas war komisch. Er schien gar nicht nach ihr zu schauen. Er ging auch nicht auf das Gleis zu, sondern in Richtung der Imbiss-Stände. Sie beschleunigte ihre Schritte wieder und hatte ihn nach ein paar Atemzügen erreicht. Immer noch beachtete er sie gar nicht. Als sie neben ihm zum Stehen kam, sah er kurz zu ihr auf - und ging dann weiter.

Einen Moment lang stand Alice da und starrte ihn entgeistert an. “Robert?” sagte sie dann. “Was ist denn los mit dir?”

Robert drehte sich zu ihr und sah sie überrascht an. Er schien nachzudenken. “Äh… Hallo?” bot er dann an.

“Das ist alles? Hallo?

Robert runzelte die Stirn. “Tut mir Leid, ich habe anscheinend gerade einen Blackout. Kannst du mir kurz auf die Sprünge helfen?”

Alice schüttelte den Kopf. “Das ist nicht witzig, Robert. Ich freue mich seit Monaten darauf, dich wieder zu sehen. Ich habe jetzt keine Lust auf dumme Scherze.”

“Seit Monaten…?” Robert wirkte verwirrt. “Entschuldige, ich komme gerade nicht auf deinen Namen…”

“Robert!” Alice schrie fast. “Hör jetzt auf mit dem Quatsch. Was soll das? Als du geschrieben hast, dass du mich vom Bahnhof abholst, hab ich mir das deutlich anders vorgestellt.”

“Ich habe nichts dergleichen geschrieben. Ich will mir nur einen Döner holen.” Er nickte mit dem Kopf in Richtung der Imbissbuden. “Vielleicht hat sich da jemand einen Scherz erlaubt. Woher, sagst du, kennen wir uns?” fügte er hinzu.

Alice schwankte zwischen Wut und Fassungslosigkeit. “Ich habe dich letzten Herbst im Café angequatscht, weil du ein Drag-Stettson-T-Shirt anhattest und die gleichen Hausaufgaben gemacht hast.”

“Hausaufgaben? Ich gehe nicht mehr in die Schule.”

“Uni”, verbesserte Alice.

“Ich studiere auch nicht. Ich arbeite in der Firma meines Vaters.”

“Aber du bist Stettson-Fan?”

“Ich hab was über sie gelesen. Ich wollte schon länger mal rein hören.”

Langsam wurde es Alice unheimlich. Robert schien das alles wirklich zu glauben. Für einen schlechten Scherz zog er es viel zu konsequent durch. Aber wie konnte das sein? Dass sie ihn verwechselte war unmöglich. Er sah aus wie Robert, er redete wie Robert, er hatte auf den Namen “Robert” reagiert, als sie ihn angesprochen hatte.

“Dein Name ist aber Robert, ja?”

“Ja.”

“Du heißt Robert Anton Friedmann. Du findest es witzig, dass deine Initialen RAF sind. Du liest gerne Science Fiction und hörst Elektropunk und Darkwave. Du zeichnest gerne, vor allem Tiere und Fabelwesen…”

“Woah, warte mal. Ist das hier irgend eine Stalker-Nummer? Woher weißt du das alles?”

Alice war fast erleichtert. Diese Dinge schien er noch zu wissen. Dann packte sie wieder das Entsetzen. Es war, als hätte das letzte Jahr für Robert überhaupt nicht stattgefunden.

“Robert, spinnst du? Das hast du mir alles selbst erzählt. Ich habe deine Zeichnungen in deiner Wohnung gesehen. Wir waren zusammen auf Konzerten. Willst du mir sagen, du erinnerst dich an nichts davon?”

“Es tut mir echt Leid, aber genau so ist es. Ich dachte, wir hätten uns vielleicht mal auf einer Party oder so getroffen und ich hätte es wieder vergessen, aber du tust so, als hätten wir ein ganzes Jahr zusammen verbracht. Ich bin erst seit ein paar Tagen in der Stadt, und ich kann mich nicht erinnern, dich vor heute schon einmal gesehen zu haben. Mir ist das echt eine Nummer zu creepy, und ich hoffe du verstehst, wenn ich jetzt weiter zum Dönerstand gehe.”

Damit ließ er sie einfach stehen. Alice wollte weinen, oder schreien, oder Robert eine Ohrfeige verpassen. Aber nichts davon würde einen Unterschied machen. Irgend etwas Seltsames war geschehen. Es musste eine Erklärung geben. Aber Alice konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was für eine.


Als Alice die Tür ihrer WG aufschloss, begann ihr Handy zu vibrieren. Sie ließ den Wohnungsschlüssel im Schloss stecken und fischte in ihrer Handtasche. Ein klein wenig hoffte sie, dass es Robert wäre, der die ganze Sache aufklärte, aber das wäre wohl doch zu einfach. Sie riss die Augen auf, als sie auf das Display sah, und tatsächlich Roberts Namen sah. Mit klopfendem Herzen nahm sie den Anruf an.

“Ja?”

“Alice. Ist alles passiert… Ich meine… Bist du in der Stadt?”

“Ja.” In Alice’ Kopf rotierten die Gedanken. Robert hatte ihre Telefonnummer. Er kannte ihren Namen. War alles wieder in Ordnung? Aber warum fragte er, ob sie in der Stadt sei?

“Und haben wir uns am Bahnhof getroffen?”

“Ja.” Spätestens jetzt war es offensichtlich, dass er irgend ein Gedächtnisproblem hatte.

“Es tut mir echt leid, Alice, aber ich musste alles so passieren lassen, sonst hätte deine Nachricht ja gar keinen Sinn ergeben. Dann wäre ich nicht zurückgegangen, um dich zu treffen, und dann hättest du sie wiederum nicht geschrieben.”

“Was? Welche Nachricht?”

“Ach so, entschuldige. Das weißt du ja noch gar nicht. Ich bin nicht sicher, wie viel ich dir überhaupt sagen darf, ohne etwas zu verändern. Aber wahrscheinlich hast du dir eh schon alles zusammen gereimt. Ich hab mich so oft verplappert, dass es schon peinlich ist. Aber ich hatte nicht wirklich damit gerechnet, dass es funktioniert.”

“Robert. Stop. Ich hab keine Ahnung, wovon du redest.”

“Ah. Klar. Ich fange von vorne an. Aber nicht am Telefon. Wir treffen uns, und ich erzähle dir alles der Reihe nach. Wenn das überhaupt geht… Mann, ich freue mich so darauf, dich wieder zu sehen. Aber lass uns noch bis morgen Nachmittag warten. Das ist vielleicht sicherer.”

“Sicherer? Du machst mir echt ein bisschen Angst. Kann ich nicht gleich noch vorbei kommen?”

“Nein, lieber nicht. Keine Panik, es wird jetzt alles gut. Ich komm morgen Nachmittag zu dir.”

Alice wollte weiter protestieren, doch Robert blieb dabei. Schließlich gab Alice erschöpft auf, verabschiedete sich und legte auf. Sie drehte endlich den Schlüssel im Schloss um und betrat die WG. An der Garderobe streifte sie Mantel und Schuhe ab und ging ins gemeinsame Wohnzimmer. Clarissa saß auf dem Sofa und tippte auf ihrem Handy herum. Als Alice herein kam, sah sie auf. “Hi Alice! Wie war die Fahrt?” Sie runzelte die Stirn. “Was ist denn mit dir los? Du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen!”

Alice ließ sich mit einem Seufzen in einen der Sessel fallen. “Ja, das trifft es vielleicht ganz gut.” Sie berichtete von ihrer seltsamen Begegnung mit Robert und dem darauf folgenden Telefonat, das alles noch seltsamer machte. Clarissa hörte zu, ohne sie zu unterbrechen.

Sie sah Alice einen Moment lang nachdenklich an. “Eigentlich”, sagte sie dann, “würde ich sagen, dass er irgendwie das Gedächtnis verloren hat. Zumindest, wenn der Anruf nicht wäre.”

“Der Anruf ist nicht das einzige”, warf Alice ein. “Man verliert nicht einfach so das Gedächtnis. Dazu braucht es eine schwere Kopfverletzung oder ähnliches. Aber sein Kopf war komplett heil.”

“Ja, das ist echt seltsam”, bestätigte Clarissa. “Und wenn er sich einen Scherz erlauben wollte oder so?”

Alice lachte humorlos. “Dann ist der nicht besonders witzig geraten. Ich habe auch schon daran gedacht, aber, nein, wie ein Scherz wirkt nichts davon.”

“Und es war definitiv Robert, den du am Bahnhof getroffen hast?”

“Auf jeden Fall. Außer, dass eben etwas gefehlt hat. Es war, als hätte ich eine Version von Robert von vor einem Jahr getroffen.”

“Ah. Dann ist der Fall klar. Robert ist aus der Vergangenheit in unsere Gegenwart gereist, und du hast den Vergangenheits-Robert getroffen.”

Alice hätte fast gelacht, doch es blieb ihr im Hals stecken. “Das würde tatsächlich einiges erklären.”

Clarissa starrte sie an. “Alice, das war nur ein Scherz.”

Alice schüttelte den Kopf. “Ich kann es mir nicht leisten, die verrückten Theorien zu verwerfen, denn dann bleiben keine mehr übrig.”

“Aber, mal angenommen, das wäre überhaupt möglich, was es nicht ist - warum würde er ein Jahr in seine Zukunft reisen wollen? Meinst du, er ist hinter Fußballergebnissen und Aktienkursen her, um in der Vergangenheit leichtes Geld zu machen?”

“Nein, dafür ist er nicht der Typ. Wenn Robert eine Zeitmaschine in die Finger kriegen würde, wäre er eher hinter Musik und Büchern aus der Zukunft her, als hinter schnellem Geld.” Irgend etwas regte sich in Alice’ Erinnerung. Musik aus der Zukunft…

“Okay, Robert ist also in die Zukunft gereist, um in der Bahnhofsbuchhandlung die Bestseller zu checken. Der Anruf später - das muss ja dann der Gegenwarts-Robert gewesen sein, denn der kannte dich ja. Aber warum wusste er von der Begegnung am Bahnhof?”

Plötzlich machte etwas “klick” in Alice’ Kopf. Sie sprang auf. “Stopp! Wir haben es falsch herum aufgezogen! Er ist nicht in die Zukunft gereist, sondern in die Vergangenheit.”

Clarissa hob beide Hände. “Vielleicht sollten wir doch nochmal nach weniger verrückten Theorien suchen.”

“Beim Stettson-Konzert letztes Jahr”, fuhr Alice unbeirrt fort, “haben wir darüber geredet, welche Songs sie spielen würden. Er hat «Frantic» genannt, und ich dachte damals, er hätte etwas durcheinander gebracht, und das wäre ein Stück von einer anderen Band oder so. Aber «Frantic» ist vor ein paar Wochen heraus gekommen. Ich hatte das komplett vergessen, aber gerade ist es mir wieder eingefallen. Er kannte den Song, und hat nicht daran gedacht, dass ich ihn nicht kennen konnte.”

“Quatsch. Das ist fast ein Jahr her. Wer weiß, was er damals genau gesagt hat. Du verrennst dich da gerade in etwas, Alice.”

“Da ist noch mehr.” Auf einmal fing alles an, sich zusammen zu fügen. “Er hat mich vor dem Meatgrinder-Festival gewarnt. Es ist alles so passiert, wie er gesagt hat, mit dem Unwetter und der Massenpanik und allem. Ich dachte, er hätte allgemein Angst vor solchen Veranstaltungen, und zufällig ist eben auf dieser etwas schief gegangen. Aber wenn ich jetzt daran zurück denke, ist es geradezu unheimlich, wie genau er alles vorhergesagt hat. Er muss davon gelesen haben, dann in die Vergangenheit zurück gereist sein und mich gewarnt haben.”

Clarissa schüttelte den Kopf, doch es fiel ihr anscheinend keine Antwort darauf ein. “Morgen seht ihr euch, ja?” fragte sie dann. Alice nickte. “Dann wird sich das ganze sowieso aufklären. Es hat keinen Sinn, jetzt weiter haarsträubende Theorien zu wälzen. Erzähl mir lieber, was du in den Semesterferien so getrieben hast.”

Ganz befriedigend war das zwar nicht, aber Alice musste zugeben, dass Clarissa in gewisser Hinsicht Recht hatte. Sie würde versuchen, sich ein wenig abzulenken, denn es war wirklich nur eine Frage der Zeit, dass sich alles aufklären würde.


Alice’ Handy vibrierte einmal. Das war das Zeichen. Sie ging zur Garderobe, zog Schuhe und Mantel an und lief die Treppe hinunter. Die Vorfreude, Robert wieder zu sehen, mischte sich mit Ungeduld, endlich zu erfahren, was es mit dem seltsamen Treffen am Bahnhof auf sich hatte. Sie hatte furchtbar schlecht geschlafen und den ganzen Tag ihre Theorie von gestern hin und her gewälzt und auf Unstimmigkeiten überprüft, und sie zwischendurch mehrfach als kompletten Unfug verworfen, um dann doch wieder darauf zurück zu kommen, weil sie keine andere Idee hatte, die die Sache so gut erklärte. Sie öffnete die Haustür, und plötzlich waren all diese Gedanken weg, und da war nur noch Robert, seine hellgrünen Augen, seine Arme um ihre Hüften, seine Lippen auf den ihren. Nach viel zu kurzer Zeit lösten sie sich voneinander.

“Schön, dich zu sehen”, flüsterte er.

Alice lächelte. “Ganz meinerseits.”

“Komm mit.” Robert nahm ihre Hand und sie gingen los. “Ich habe lange hin und her überlegt, wie ich dir das Ganze am besten erkläre. Es ist ganz schön absurd. Manchmal glaube ich es selbst nicht, obwohl ich es erlebt habe. Deswegen würde ich dir gerne etwas zeigen. Das macht es vielleicht greifbarer.”

“Und das wäre?”

“Du wirst schon sehen. Es ist nicht weit.”

“Komm schon, ich halte es nicht mehr lange aus. Die einzige Theorie, die ich habe, ist vollkommen wahnsinnig.”

“Dann ist sie vermutlich richtig.” Robert blieb völlig ernst. Er schien das nicht als Scherz zu meinen.

Alice überlegte kurz, ob sie Robert ihre Gedanken unterbreiten sollte, oder ob er sie doch nur auslachen würde. Sie beschloss, es ihn auf seine Weise machen zu lassen, und genoss erst einmal nur, endlich wieder in seiner Nähe zu sein.

“Da vorne ist es.”

Alice folgte Robert auf ein Gebäude zu, an dessen Einfahrt ein Schild mit einem Autoreifen und einem Schraubenschlüssel hing. Robert sah auf die Uhr und wurde langsamer. “Verdammt, wir sind ganz schön früh dran. Ich hätte noch warten sollen, aber ich konnte es kaum erwarten, dich zu sehen. Nicht, dass ich noch drin bin.”

Alice war einen Moment verwirrt, doch dann glaubte sie, zu verstehen. Hier musste sie sein, die Zeitmaschine, oder was auch immer es Robert ermöglicht hatte, sich in die Vergangenheit zu versetzen. Wenn sie zu früh dran waren, dann bestand die Gefahr, dass Robert sich selbst traf, kurz bevor er in die Vergangenheit reiste. Aber war das in gewissem Sinn nicht bereits passiert?

Sie kam nicht dazu, den Gedankengang zu Ende zu denken. Irgend etwas stimmte plötzlich nicht mehr. Sie sah nur noch verschwommen. Ihre Ohren dröhnten und ihr wurde schlecht. Ihr Gleichgewichtssinn spielte verrückt. Mit den Linien und Winkeln der Straße und der Fassaden stimmte etwas nicht mehr. Es war, als würde die Realität selbst umgestülpt. Dann kam mit einem furchtbarer Knall die Hauswand auf sie zu. Sie wurde zur Seite geschleudert. Irgend etwas prallte gegen ihren Kopf, und ihr wurde schwarz vor Augen.

Als sie wieder zu sich kam, schmerzte ihr ganzer Körper. Sie schlug mit Mühe die Augen auf und blickte auf ein Trümmerfeld. Sie lag auf dem Boden, um sie herum Staub und Teile von Mauerwerk. Irgendwo flackerten Flammen. Ein paar Meter weiter lag noch jemand auf dem Boden. “Robert!” krächzte sie, und musste husten, was die Schmerzen in ihrer Brust ins Unerträgliche steigerte. Sie verlor wieder das Bewusstsein.


Als sie aufwachte, fühlte sie sich schwach und benommen. Sie war in einem fremden Zimmer. Es sah nach Krankenhaus aus. Sie sah sich um. Auf einem Stuhl neben dem Bett saß Clarissa. Als sie bemerkte, dass Alice wach war, sprang sie auf. “Alice! Wie fühlst du dich?”

“Ich bin ziemlich kaputt. Was ist passiert?” Mit einem Mal strömte die Erinnerung zurück in Alice’ Bewusstsein. Sie war plötzlich hellwach. “Robert!” rief sie. Sie sah sich noch einmal im Zimmer um. Es standen noch drei andere Betten darin, in zweien davon lagen Frauen, eines war leer. “Wo ist Robert?”

“Ich weiß nicht. Warst du mit ihm unterwegs, als es passiert ist?”

“Ja. Er wollte mir etwas zeigen, und dann ist uns plötzlich dieses Gebäude um die Ohren geflogen. Ist er nicht hier?”

“Es wurden noch ein paar andere Verletzte eingeliefert, aber Robert war nicht dabei.”

“Aber, auch wenn er nicht verletzt ist, dann wäre er doch trotzdem mit mir ins Krankenhaus gekommen?”

“Hat er vielleicht angerufen oder geschrieben?”

Alice sah sich nach ihrem Handy um und sah es auf dem Nachtkästchen neben ihrem Bett. Sie griff danach und bereute es gleich darauf wieder, als mindestens ein Dutzend Stellen in ihrem Körper schmerzten. Jetzt erst bemerkte sie, dass sie ihren linken Arm schlecht bewegen konnte. Er steckte in einem Gipsverband. Auch ihr linkes Bein fühlte sich steif und schwer an. Clarissa hatte ihre Bewegung richtig gedeutet und reichte ihr das Handy, doch als Alice den Einschaltknopf drückte, reagierte es nicht.

“Warte, ich habe dir ein Ladegerät mitgebracht.” Clarissa kramte ein Kabel aus einer Tasche, die neben ihr lag, und verband damit das Mobiltelefon mit einer Steckdose. Der Bildschirm und die LEDs blieben dunkel.

“Mist”, murmelte Alice.

“Soll ich ihn anrufen?” bot Clarissa an. “Hast du seine Nummer im Kopf?”

“Nein. Nur auf dem Handy.”

“Wer hat noch seine Nummer?”

Alice überlegte einen Moment. “Keine Ahnung. Vermutlich niemand. Aber ich frage mal. Ach, geht ja nicht, ich habe ja kein Handy.”

“Ich mach schon.” Clarissa holte ihr Mobiltelefon heraus und tippte flink eine Nachricht. “Mach dir keine Sorgen und ruh’ dich erst mal aus. Robert taucht schon wieder auf. Was ist denn überhaupt passiert? Es hieß, es gab eine Explosion?”

“Das klingt ungefähr richtig. Mehr habe ich auch nicht mit bekommen. Wir waren bei einer Autowerkstatt oder so. Robert wollte mir etwas zeigen. Ich glaube, es war die Zeitmaschine.”

“Hat er das gesagt?”

“Nein. Aber was hätte er mir denn sonst zeigen sollen? Oh Gott, meinst du es war die Zeitmaschine, die die Explosion verursacht hat? Ich habe zwar keine Ahnung, wie Zeitreisen funktionieren, aber ich bin ziemlich sicher, dass da enorme Energien im Spiel sein müssen.”

Clarissa seufzte. “Echt ärgerlich, dass Robert verschwunden ist, sonst könnte er diesen Unsinn ein für alle mal aus der Welt schaffen.”


Robert tauchte nicht wieder auf. Auch zwei Tage später, als Alice aus dem Krankenhaus entlassen wurde, war er nicht dort hin gekommen, weder als Patient, noch als Besucher. Niemand hatte seine Telefonnummer, und auch sonst gab es kein Lebenszeichen von ihm. Clarissa half Alice, nach Hause zu kommen. Sie musste wegen ihres Beins Krücken benutzen, und sie brauchten eine Ewigkeit, obwohl sie den größten Teil des Weges mit dem Bus zurück legten. Auch in der WG war keine Nachricht zu finden - kein Brief im Briefkasten, kein Zettel unter der Tür, nichts. Alice beschloss, zu Roberts Wohnung zu gehen. Clarissa sah schnell ein, dass sie Alice trotz ihres Zustands nicht davon abbringen konnte, und bestand stattdessen darauf, mit zu kommen.


Alice drückte einen der vielen Klingelknöpfe an der Glastür des Mietshauses.

“Da steht gar kein Name dran”, stellte Clarissa fest.

“Ja, Robert hat sich nie die Mühe gemacht, ein Klingelschild anzubringen.”

Sie wartete ein paar Sekunden, dann klingelt sie noch einmal. Wieder blieben Sprechanlage und Türsummer stumm. Alice drückte noch ein paar mal hinter einander den Knopf, doch sie merkte, dass es keinen Sinn hatte. “Lass uns mal durchs Fenster schauen.”

Sie gingen ein paar Meter am Haus entlang. Clarissa passte ihre Schritte dem langsamen Humpeln von Alice an. Sie erreichten einen Durchgang, hinter dem der Innenhof lag. Er war klein und schäbig. Ein paar traurige Pflanzen fristeten ihr Dasein in wuchtigen Betonkübeln.

“Das muss es sein.” Alice ging zum zweiten Fenster und versuchte, einen Blick in die Wohnung zu erhaschen. Das Fenster war sehr hoch; der Boden der Wohnung lag ein gutes Stück über dem des Innenhofs. Sie konnte nur die Decke und den oberen Rand der Küchentür sehen.

Clarissa ging ein Stück vom Fenster weg und reckte den Hals. Dann stellte sie sich auf einen der Blumenkübel. Sie kniff die Augen zusammen. “Das Zimmer ist leer.”

“Das täuscht. Robert hat nicht viel Einrichtung.” Sie ging nach hinten zu Clarissa. “An der rechten Wand müssten ein paar Zeichnungen hängen, und neben der Küchentür ist eine Stehlampe.”

Clarissa schüttelte den Kopf. “Nein, da ist gar nichts.”

Alice machte Anstalten, auch auf die Blumentöpfe zu klettern, aber Clarissa versperrte ihr den Weg. “Bist du verrückt? Wenn du mit deinen Gipsverbänden hier herum kletterst, brichst du dir auch noch den Hals.”

Alice seufzte, aber auch von unten konnte sie erahnen, dass Roberts spärliche Einrichtung tatsächlich nicht da war, wo sie sein sollte.

“Warum?” murmelte sie. “Ist er ausgezogen? Warte, ja, vielleicht ist er das. Wenn er wirklich vor zwei Tagen in die Vergangenheit gereist ist, dann ist vermutlich eine Wohnung frei geworden, und er braucht die hier nicht mehr. Das hier war ja offensichtlich nur eine Übergangsbleibe.”

Clarissa sah sie fast verzweifelt an. “Alice, hör auf, dir das einzureden. Wenn du von vorneherein beschlossen hast, dass du daran glauben willst, dann wirst du dir immer irgendeine Erklärung konstruieren können, egal wie die Fakten aussehen.”

“Und was ist deine Erklärung? Warum führt er mich erst irgendwo hin, um mir etwas zu zeigen, und packt dann doch seine Sachen und haut ab? Und wohin überhaupt?”

Clarissa zuckte mit den Schultern. “Ich weiß doch auch nicht. Komm, wir gehen wieder heim. Hier kommen wir eh erst mal nicht weiter.”

Sie machten sich auf den langsamen Heimweg. Alice zerbrach sich den Kopf, warum Robert kein Lebenszeichen von sich gegeben hatte, und wie sie den Kontakt zu ihm wieder herstellen konnte. Nach einer Weile sah sie zu Clarissa hinüber. Sie sah ebenfalls sehr nachdenklich aus. Sie bemerkte Alice’ Blick. “Sag mal…” begann sie zögernd. “Ist dir eigentlich bewusst, dass ich Robert nie getroffen habe?”

“Was?” Alice schüttelte den Kopf. “Nein, das kann nicht sein. Zum Beispiel nach Ostern, als er bei mir war, da habt ihr euch doch kurz gesehen.”

“Als ich von meinen Eltern zurück gekommen bin, warst du allein. Du meintest, er sei vor ein oder zwei Stunden gegangen.”

“Aber…” Alice überlegte, aber ihr fiel tatsächlich keine Gelegenheit ein, bei der sie sicher wäre, dass Robert und Clarissa sich begegnet waren. “Wow, ich glaube du hast recht. Wir waren wirklich fast immer zu zweit unterwegs. Vermutlich ist er nicht so viel unter Leute gegangen, damit das mit der Zeitreise keine unangenehmen Fragen aufwirft. Eigentlich hätte er ja gar nicht hier sein dürfen.”

“Und jetzt zeigst du mir eine leere Wohnung ohne Klingelschild.”

Alice blieb stehen. “Warte mal, was willst du damit sagen?”

Clarissa drehte sich zu ihr. “Alice, versteh das bitte nicht falsch. Versuch mal, dir vorzustellen, wie das auf mich wirkt. Du hast einen Freund, den ich nie gesehen habe. Seine Wohnung ist leer und unmarkiert. Du tischst mir eine wilde Geschichte auf, dass er durch die Zeit gereist sei, vermutlich um dich kennenzulernen.”

Alice stockte der Atem. “Willst du behaupten, ich hätte mir Robert nur ausgedacht?”

“Nein, nein. Ich habe keinen Zweifel, dass du das alles glaubst, was du sagst.”

“Oh, dann meinst du, ich habe ihn halluziniert? Clarissa, ich habe eine leichte Neigung zu Neurosen und habe ein paar kleine depressive Episoden hinter mir, aber wenn ich eine Psychose oder ein Drogenproblem hätte, dann hätte das meine Psychiaterin durchaus bemerkt.”

“Hast du vielleicht ein Foto von ihm?”

Alice zog eine Grimasse. “Auf dem Handy.”

“Nimm das bitte nicht persönlich, OK? Es fällt mir einfach gerade ein bisschen leichter, zu glauben, dass Robert nicht real ist, als dass er die Gesetze von Raum und Zeit beugen und dermaßen spurlos verschwinden kann.”

“Mir aber nicht”, schnappte Alice. Sie versuchte, die Arme zu verschränken, aber der Gips war im Weg. Stattdessen setzte sie sich wieder in Bewegung, so schnell ihr kaputtes Bein es zuließ.


Gespannt sah Alice abwechselnd auf den Laptopbildschirm und den Versuchsaufbau auf dem Tisch vor ihr. Spiegel glänzten und rote Laserpunkte leuchteten im Halbdunkel, riesige Spulen summten und Relais klackten. Dann begannen Zahlen über den Bildschirm zu laufen. Es ging zu schnell, um alles im Detail zu verfolgen, doch so weit Alice es beurteilen konnte, sahen die Daten vielversprechend aus. Wenn gleich eine Reihe grüner Kreuze erschien, dann würde das bedeuten, dass die empfangenen Signale weitgehend identisch mit den gesendeten waren. Das allein wäre natürlich nur mäßig interessant. Der Durchbruch würde die Tatsache sein, dass der Computer die Daten empfangen haben würde, noch bevor sie ausgesendet worden waren. Natürlich wäre dann die Arbeit noch lange nicht vorbei. Das Ergebnis musste reproduziert werden, vorzugsweise mehrfach. Und selbst wenn nachgewiesen war, dass sie Information in die Vergangenheit übertragen konnte, war es noch ein großer Schritt, auch Materie zu übertragen, geschweige denn lebende Organismen. Dennoch würde es der Durchbruch sein. Und sie würde dran bleiben. Sie war sich sicher, dass es möglich war. Schließlich hatte sie selbst einen Zeitreisenden kennengelernt, vor mehr als zwanzig Jahren. Natürlich hatte sie zwischendurch an ihrem Verstand gezweifelt. Doch sie hatte alles mehrfach mit ihrer Psychiaterin besprochen, und sie hatte genug Zeit gehabt, über alles nachzudenken. Am Ende blieb die befriedigendste Erklärung, dass Robert durch die Zeit gereist war. Allerdings hatte sie nie heraus gefunden, wie er es gemacht hatte, und warum. Hatte er eine Zeitmaschine gehabt? Wenn ja, dann war sie wohl bei der Explosion völlig zerstört worden. Aber wo hätte er sie überhaupt her haben sollen? Hatte er sie selbst entwickelt? Wohl kaum. Er hatte im ersten Semester Physik studiert, und das eventuell nur als Vorwand, um Alice kennen zu lernen. Sie selbst hatte über zwanzig Jahre Forschung gebraucht, um auch nur einen belastbaren Ansatz zu entwickeln. Es würde vielleicht noch einmal zwanzig Jahre dauern, bis es so weit war. Aber dann, ja dann… Ein verrückter Gedanke kam ihr. Dann hatte sie eine Zeitmaschine. Und wenn sie es schaffen würde, eine Zeitmaschine zu konstruieren, dann konnte sie doch sicher diese Zeitmaschine an einen bestimmten Punkt in der Vergangenheit versetzen, zum Beispiel ein paar Stunden nachdem ein bestimmter Junge eine seltsame Begegnung mit einem Mädchen hatte, das ihn zu kennen schien, das er aber noch nie gesehen hatte. Noch nicht. Und sie konnte ihm eine Nachricht zukommen lassen, die ihn neugierig machen würde, so dass er die Maschine ausprobieren würde. So verrückt war der Gedanke eigentlich nicht. Zumindest nicht verrückter, als das, was sie in jenem ersten Semester erlebt hatte. Und wenn sie recht hatte, dann würde es eh so kommen, denn alles, was folgte, war ja bereits passiert.

Der Laptop hörte auf, Zahlen auszuspucken. Ein knappes Dutzend grüne Kreuze prangten auf dem Bildschirm.