The Neon Cathedral

Six Silver Bedlam: The Roots of Fury

Kapitel 1

Jessica fühlte sich wie taub. Sie spürte kaum den stetigen Nieselregen, der sie nach und nach durchnässte und die herbstliche Kälte in ihre Knochen sickern ließ. Die nasse Straße reflektierte das kalte Licht der Straßenlaternen und Leuchtreklamen. Obwohl es spät war, begegneten ihr noch viele Leute, die, genau wie sie, in dunkle Mäntel gehüllt waren, die Kragen hoch gestellt, manche mit Regenschirmen in der Hand. Die meisten ignorierten sie, doch hin und wieder spürte Jessica einen Blick, der einen Moment länger auf ihr haften blieb. Sie meinte, Feindseligkeit oder Verachtung darin zu lesen, obwohl sie wusste, dass das Unsinn war. Man sah ihr nicht an, dass sie anders war. Für einen zufälligen Beobachter war sie nur eine von Millionen. Sie war mittelgroß, hatte asiatische Gesichtszüge und dunkle Haare - nichts, was sie von der Masse abhob. Was sie anders machte, verbarg sich unter der unscheinbaren Oberfläche. Nicht jeder bekam ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten - und erst recht nicht ihre Schwächen - zu Gesicht. Manche Bewohner der Stadt wussten nicht einmal, dass es Frauen wie sie gab, und das war vielleicht auch besser so. Jessica hatte schon mehr als einmal erleben müssen, was die Angst vor dem Anderen anrichten konnte.

Sie bog an der nächsten Ecke ab und gelangte auf eine weniger bevölkerte Straße. Wahrscheinlich sollte sie einfach nach Hause gehen und sich ins Bett legen. Sie hatte heute den halben Tag damit verbracht, überfälligen Papierkram nachzuholen, und den anderen halben Tag versucht, sich zu motivieren, irgend etwas zu unternehmen, ins Fitnessstudio zu gehen, jemanden anzurufen, oder wenigstens etwas zu lesen. Ohne Erfolg. Schließlich war sie nach draußen gegangen, doch das hatte auch nichts besser gemacht. Die Stadt schien die Energie aus ihr heraus zu saugen. Bedlam würde irgendwann ihr Untergang sein; diese Stadt, die einst ihre Rettung gewesen war, als sie ihre Heimat verlassen musste und dem Tod im Niemandsland ins Auge gesehen hatte. Entgegen aller Erwartungen hatte sie hier eine Karriere gefunden, Freunde, für eine Weile sogar so etwas wie Geborgenheit. Doch im Lauf der Zeit fühlte sie sich immer öfter gefangen, ziellos und ausgelaugt. Die dunklen Häuserschluchten bedrückten sie. Man konnte kaum den Himmel sehen. Bäume und andere Pflanzen waren eine Rarität geworden. Alles war voll von Menschen, aber die leeren Gesichter der Fremden machten sie nur noch einsamer. Am meisten vermisste sie das Meer. Bei diesem Gedanken drehte sie sich abrupt um und schlug den Weg nach Hause ein. Sie würde ein Bad nehmen, und dann versuchen, zu schlafen. Morgen würde zumindest die Dunkelheit sich für eine Weile zurück ziehen.


Mit einer routinierten Bewegung warf Jessica ihren Mantel an einen Haken der Garderobe. Ihre Stimmung war nicht wesentlich besser als am Abend zuvor, aber sie hatte Übung darin, sich das nicht anmerken zu lassen. Sie murmelte Bernhard, der gerade auf dem Weg nach draußen war, einen Gruß zu, und nickte kurz den restlichen Kollegen zu, die sich in Sichtweite befanden, bevor sie ihr Büro betrat. Tom saß schon an seinem Schreibtisch. Er sah auf und lehnte sich zurück, während sie zu ihrem Platz ging und sich in ihren Stuhl fallen ließ.

“Guten Morgen!” sagte er. “Hast du das Memo schon gelesen?”

Jessica sah ihn fragend an.

“Sie kürzen uns die Bandbreite. Und sie prüfen, ob sie das Hardware-Budget auch reduzieren können.”

Jessica vergrub das Gesicht in einer Handfläche. Beinahe hätte sie angefangen, zu weinen. “Nicht dein Ernst”, stöhnte sie. Sie blendete mit ein paar Handbewegungen ihren Posteingang in ihr Sichtfeld ein und öffnete die Nachricht, um sich selbst zu überzeugen. “Was denken die sich dabei? Die haben ihre Schreibtische wahrscheinlich seit zwanzig Jahren nicht mehr verlassen.” lamentierte sie mit nur leicht übertriebener Verzweiflung. “Die haben keine Ahnung, was wir brauchen, um unsere Arbeit da draußen zu machen, oder?”

Tom breitete zustimmend die Arme aus. “Wahnsinn, nicht wahr? Und dann wundern sie sich, wenn die Aufklärungsraten einbrechen, und behaupten, wir hätten zu viel Urlaub oder zu lange Mittagspausen.”

Jessica schüttelte fassungslos den Kopf. Es schien, als wolle die ganze Welt sie fertig machen. Sie wischte die Nachricht zur Seite und warf noch einen Blick in ihren Eingangsordner, in der vagen Erwartung, dass dort noch mehr Hiobsbotschaften auf sie warteten. Auf den ersten Blick sah es jedoch nicht so aus, und bevor sie sich mit den alltäglichen Nachrichten befassen konnte, kam Solveig Hagström herein.

“Ah, Nguyen, Sie sind auch da,” sagte sie statt einer Begrüßung. “Gut. Dann kann ich Sie beide zusammen einweisen. Es gibt einen neuen Fall.”

Hagström gestikulierte einen Moment lang in der Luft herum. Zwischendurch zeigte sie auf Jessica und Tom. Neben Jessicas Nachrichteneingang leuchtete ein rotes Symbol auf. Hagström hatte eine Ansicht mit den beiden geteilt. Jessica führte ihre Hand zu dem Symbol, und es erschienen mehrere Fotos vor ihren Augen, die vermutlich einen Tatort zeigten.

“Wir haben zwei Leichen; einen Mann, Anfang vierzig, mit durchgeschnittener Kehle, und eine Frau, Mitte dreißig, mit Schusswunden in Brust und Bauch. Klingt an sich nach zwei Fällen, außer, dass beide im gleichen Schuttcontainer im Industriegebiet in Jottenhamn gefunden wurden.”

“Wer hat sie gefunden?” fragte Tom.

“Ein Jugendlicher, der dort mit Freunden herum gestöbert hat.” erklärte Hagström.

Jessica wandte den Blick von den Bildern zu ihr. “Haben wir schon Identitäten?”

Hagström schüttelte den Kopf. “Die Spurensicherung ist fast durch, aber es gibt noch nichts Definitives.”

“Wir fahren gleich mal hin und sehen uns das an.” beschloss Jessica.


Sie fuhren über die Brücke, die den Tey zwischen Aschgarten und Jottenhamn überspannte. Die Sicht war schlecht, aber man konnte einige wenige Boote erkennen, die auf dem Fluss unterwegs waren. Sie bogen rechts ab und fuhren durch den Teil des Industriegebiets, der noch als solches in Betrieb war. Nach kurzer Fahrt schlossen sich reihenweise leer stehende Fabrik- und Lagerhallen an.

“Naheliegende Wahl, um jemanden umzubringen”, kommentierte Jessica. “Jede Menge Platz, keine störenden Nachbarn.”

Tom nickte. “Sie kommen nicht mehr mit dem Umbau hinterher. Ganz im Osten ziehen zwar schon die ersten Leute ein, aber mindestens drei viertel des Gebietes sind noch entweder im Umbau, stehen leer oder sind noch gar nicht still gelegt. Es war sowieso eine furchtbare Idee, das Industriegebiet zu konvertieren. Das hat nur Probleme gemacht, nicht zuletzt die horrenden Kosten. Und alles nur, weil es den wohlhabenden Herrschaften in der Nachbarschaft ein Dorn im Auge war.”

Jessica seufzte. “Das geht natürlich nicht, dass die Geldsäcke auf Schornsteine schauen müssen.”

Eines der Privilegien der Arbeit bei der Polizei war, dass man offener sprechen konnte und sich weniger Sorgen um Überwachung machen musste. Schließlich war es die Polizei, die einen Großteil der Überwachung durchführte. Dann waren da natürlich noch die anderen Sicherheitsdienste, die Geheimdienste und der Grenzschutz, aber zu viel durfte man darüber nicht nachdenken, sonst wurde man wahnsinnig.

“Da verlegt der Herr Bürgermeister doch lieber die ganze Industrie in den Süden, zu den armen Schluckern, die keine Lobby haben. So läuft es doch immer.”

Bald kamen die ersten Baustellen in Sicht. Eine davon war mit schwarz-gelbem Absperrband umgeben. Statt von Bauarbeitern wimmelte es von Polizisten, teils in Uniform, teils in Zivil. Zwei von ihnen wühlten in einem großen Container herum, in dem Bauschutt und verschiedene Abfälle lagen. Ein paar Meter davor waren zwei längliche Formen mit schwarzen Planen abgedeckt.

Jessica parkte den Wagen. Neben den beiden länglichen Objekten, bei denen es sich offensichtlich um die Leichen handelte, stand Swapna Purohit, die Gerichtsmedizinerin.


Der dunkelblaue Dienstwagen rollte durch menschenleere Straßen. Am Fundort hatte es wenig Neues zu erfahren gegeben. Die unterschiedlichen Todesursachen gaben immer noch Rätsel auf. Vielleicht würde die medizinische Untersuchung Klarheit schaffen. Auch wer die beiden waren, war noch immer unbekannt. Die einzige unmittelbar verwertbare Spur waren Reifenabdrücke, die von den Tätern stammen konnten. Die Spurensicherung hatte eine Drohne los geschickt, um ähnliche Abdrücke in der Umgebung zu finden und den Abrieb chemisch zu vergleichen - mit Erfolg. Jessica und Tom hatten sich die Koordinaten, die die Drohne ausgespuckt hatte, kopiert und sich auf den Weg gemacht.

Nach kurzer Fahrt kamen sie an einem von Stacheldrahtzaun umgebenen Gelände mit einem halben Dutzend heruntergekommener Gebäude in verschiedenen Größen an. Das Tor stand offen, und sie hielten auf einem Parkplatz, der früher wohl für Besucher bestimmt gewesen war. Jessica stellte den Motor ab. Jessica öffnete die Tür. “Komm, wir sehen uns um.”

Sie gingen zuerst in das vorderste Gebäude, an dessen Fassade noch die Schatten eines Firmen-Schriftzuges zu sehen waren. Das Innere bestand hauptsächlich aus Büros und ein paar Konferenzräumen. Vereinzelt waren kaputte Möbelstücke zurück geblieben, doch die meisten Zimmer waren, bis auf einzelne kaputte Maschinen, Materialreste und ähnlichen Müll, leer. Der Verfall hatte noch nicht ernsthaft eingesetzt, aber eine dünne Staubschicht ruhte auf allen Böden und Oberflächen. Sie fanden keine Anzeichen dafür, dass hier ein Verbrechen stattgefunden hatte, und gingen schließlich weiter zum nächsten Gebäude. Hier dominierten Fertigungshallen und Lagerräume, auch sie weitgehend leer, abgesehen von einigen Regalen und der ein oder anderen Werkbank. Zuerst sah es auch hier so aus, als sei nichts zu finden, doch in der vierten Halle bekam Jessica das Gefühl, dass hier etwas anders war. Sie blieb stehen, runzelte die Stirn und blickte sich um.

“Was ist?” fragte Tom, der ihren Gesichtsausdruck bemerkt hatte.

“Irgendetwas stimmt nicht,” sagte Jessica nachdenklich. “Es sieht hier so… aufgeräumt aus.” Außer zwei, drei Stücken Papier lag absolute nichts auf dem Boden. Tom ging in die Knie und fuhr mit dem Finger über den Boden. “Kein Staub”, sagte er . “In den anderen Räumen ist überall eine Schicht Staub.”

Jessica nickte. “Hier hat jemand vor kurzem geputzt.”

Beide fingen an, durch die Halle zu gehen und nach weiteren Hinweisen zu suchen, doch sie war wirklich komplett leer und einfach nur ein ganzes Stück zu sauber.

“Lass uns die Experten holen.”, schlug Jessica vor. “Die Spurensicherung findet normalerweise auch noch etwas, wenn jemand einen Frühjahrsputz gemacht hat.”

Kapitel 2

Siobhan erwachte schweißgebadet. Fetzen eines Albtraums geisterten noch durch ihren Kopf; Blut und Schreie, hohe weiße Wände, eine Waffe in ihrer Hand. Anezkas Gesicht, zu einer Grimasse verzerrt, und zwei weitere Gesichter, zu denen ihr die Namen nicht einfielen, aber deren Züge sich geradezu in ihre Netzhaut gebrannt hatten. Ihr Herz klopfte und ihr Atem ging schnell und stoßweise. Sie presste die Augen zu, als hoffte sie, wieder einzuschlafen, und diesmal von sanfteren Träumen empfangen zu werden. Doch sie wusste, dass das nicht passieren würde. Sie kämpfte die aufsteigende Panik hinunter und stand mit einem Ruck aus dem Bett auf. Es würde noch eine Stunde dauern, bis ihr Wecker klingelte, aber an Schlaf war nicht mehr zu denken, also konnte sie genau so gut aufstehen. Sie versuchte, nicht an den Traum und vor allem nicht an die letzten paar Tage zu denken, sondern sich auf den Tag vor ihr zu konzentrieren. Sie zog sich ein T-Shirt und eine Sporthose über, ging zur Küchenzeile und schaltete die Kaffeemühle ein. Das Schnarren, mit dem sich die schwarzen Bohnen in feines Pulver verwandelten, holte Siobhan in ihren Alltag zurück. Sie öffnete einen der Küchenschränke und fischte zwei Scheiben Toast heraus, wie jeden Morgen. Als sie sie in den Toaster gesteckt und ihn angeschaltet hatte, war die Kaffeemühle fertig. Sie klopfte den alten Satz aus dem Siebträger der Espressomaschine und füllte ihn mit frischem Pulver. Jeder Handgriff saß. Ihre Hände zitterten nicht. Kaffee und Toast waren wie immer fast gleichzeitig fertig. Zusammen mit der Marmelade trug sie beides zum Tisch. Heute war Dienstag, also würde am Vormittag das wöchentliche Planungsmeeting statt finden. Sie strich Marmelade auf eine Scheibe Toast und biss hinein. Da sie schon so früh wach war, würde sie vor dem Meeting noch das Design für Human Touch überarbeiten können. Sie sah aus dem Fenster, obwohl es dort nichts zu sehen gab außer Dunkelheit, und überlegte, welche Verbesserungen sie noch umsetzen würde.

Den Tag über vertiefte sie sich in ihr Projekt. Auch das Meeting bot willkommene Ablenkung. Obwohl sie früh gekommen war, blieb sie länger als sonst. Die meisten anderen waren schon weg, nur Mirembe werkelte auch noch an einem Design. Siobhan schaute kurz zu ihr hinein und plauderte ein wenig mit ihr, bevor sie das Büro verließ. Draußen war es schon wieder dunkel. Ohne einen Abstecher nach Hause ging sie direkt ins Labyrinth. Moira, die Betreiberin, stand heute selbst hinter dem Tresen. Siobhan winkte ihr zu, aber Moira war mit einem Kunden beschäftigt und sah sie nicht. Das Pub war wie immer gut besucht. Als Siobhan sich nach einem freien Platz umsah, bemerkte sie Yeshi, die alleine an einem kleinen Tisch saß. Ihre Augen waren ins Leere gerichtet und bewegten sich langsam hin und her. Vermutlich las sie etwas. Sie war in ihrem Rollstuhl zurück gelehnt und hatte die Hände im Schoß gefaltet. Zu einer einfachen Jeans trug sie eine schwarze Bluse mit einem roten Aufdruck. Ihre dutzenden dünnen, schwarzen Zöpfe waren locker zusammen gebunden. Siobhan ging zu ihr hinüber. “Darf ich stören?” fragte sie mit gespielter Höflichkeit. Yeshi drehte den Kopf, lächelte und stecke die Arme zu ihr hoch, um sie zu umarmen.

“Hey, Süße! Wie geht es dir?”

Siobhan winke ab. “Langer Tag”, seufzte sie.

Yeshi sah sie mitleidig an. Dann griff sie nach dem Weinglas, das vor ihr auf dem Tisch stand, und trank es in einem Zug aus. “Du brauchst erst einmal etwas zu trinken.” verkündete sie. “Setz dich. Ich bin gleich wieder da.”

Siobhan tat, wie ihr geheißen, während Yeshi in Richtung Bar verschwand. Sie sah sich um. Das Labyrinth machte seinem Namen alle Ehre. Außer dem Raum, in dem sie sich befand, gab es noch mehrere andere Räume, in denen Billardtische, Videospiele, Sofas, eine Konzertbühne und noch eine weitere Bar standen. Sie waren durch verwinkelte Gänge miteinander verbunden. Von den Leuten um sie herum kannte Siobhan viele zumindest vom Sehen. Zeitweise verbrachte sie alle ihre freien Abende hier. Das Pub hatte den Ruf, auch Leute willkommen zu heißen, die anderswo verstoßen wurden. Hier tummelte sich eine bunte Mischung aus Punks, Queers, Platinenköpfen, Nornen, Goths, Ökos, Mutanten und was die abgelegenen Gassen von Bedlam sonst noch her gaben. Auch Siobhan fühlte sich hier wohler als an den meisten anderen Orten der Stadt, abgesehen von einem kleinen Park in Granna. Beim Gedanken an den Park drohte eine Flut von Bildern in ihr Bewusstsein zu drängen, doch sie schob sie energisch beiseite. Sie konnte jetzt nicht daran denken. Nicht hier. Sie würde sich später damit befassen. Glücklicherweise kam in diesem Moment Yeshi mit zwei vollen Gläsern von der Bar zurück. Sie reichte Siobhan ein helles Bier und behielt selbst das Glas Weißwein in der Hand. Sie stießen an.

“Auf uns”, sagte Yeshi lächelnd. “Kommst du direkt von der Arbeit?” fragte sie dann mit einem Blick auf ihr Outfit. Siobhan sah an sich herunter und nickte. Sie trug einen dunkelgrauen Hosenanzug, den sie normalerweise bei der ersten Gelegenheit gegen weite Kleidung aus Hanf oder Leinen in bunten Farben tauschte, dazu reichlich Schmuck aus Stein oder, wenn sie etwas davon in die Finger bekommen konnte, Holz und Leder. “Armes Ding”, bedauerte Yeshi sie. “Ich war vorhin im Krankenhaus. Hast du gehört, dass es schon wieder eine Explosion in der Mine gegeben hat? Jacinta hat es böse erwischt, aber sie kann noch von Glück reden - drei andere sind tot, und einige der Verletzen schweben noch in Lebensgefahr.”

“Verdammt”, stieß Siobhan zwischen zusammen gepressten Zähnen hervor. Sie hatte noch nichts von dem neuen Unglück gehört, aber das Bergwerk war ihr seit langem ein Dorn im Auge. Es verschmutzte den Fluss, hatte zur Abholzung der Wälder in der Umgebung beigetragen und damit Überschwemmungen verursacht, und die Arbeiter mussten sich unter unsäglichen Bedingungen und großer Gefahr für Leib und Leben für einen Hungerlohn abrackern. Siobhan hatte sich an mehreren Protesten und Blockaden beteiligt, aber es hatte sich offensichtlich nichts verändert.

Yeshi schien ihren Gedankengang zu erahnen. “Entschuldige”, sagte sie sanft, “das muss frustrierend für dich sein. Lass uns über etwas angenehmeres reden. Maeva und Ngozi sind jetzt zusammen”, wechselte sie übergangslos das Thema. “Nicht, dass es irgend jemanden überraschen würde”, fügte sie grinsend hinzu.

Siobhan musste auch lächeln. Die beiden tänzelten schon seit Wochen umeinander herum, ohne dass einer den entscheidenden Schritt machte. “Und wer hat jetzt die Initiative ergriffen?”

“Was denkst du?” schmunzelte Yeshi.

Siobhan dachte kurz nach. “Maeva?” Sie waren zwar beide relativ jung und schüchtern, doch ihr traute Siobhan es am ehesten zu, über ihren Schatten zu springen.

Yeshi nickte zufrieden. “Du kennst die beiden.”

Die zweite Runde Getränke holte Siobhan, und sie unterhielten sich noch eine Weile über Neuigkeiten und Gerüchte.

Kapitel 3

Während die Spurensicherung ihrer Arbeit nachging, sahen sich Jessica und Tom weiter in der Umgebung um. Sie kontrollierten noch die übrigen Gebäude auf dem Gelände, jedoch ohne Erfolg. Dann fuhren sie ein paar Runden durch die Umgebung. Sie hätten auch eine Drohne schicken können, aber wenn sie nicht genau wusste, wonach sie suchte, vertraute Jessica lieber auf menschliche Augen und altmodischen Instinkt. Ein paar Halbstarke tummelten sich an einer ehemaligen Bushaltestelle, aber waren zu schnell wieder verschwunden, um sie zu befragen. Dabei fiel Jessica der Jugendliche ein, der die Leichen gefunden hatte, und sie schickte eine Nachricht ans Revier, dass die Kollegen ihn noch einmal vorladen sollten. Beim Umherfahren entdeckten sie vereinzelt Obdachlose, die in der Nähe Ihr Quartier aufgeschlagen hatten. Dem ersten und zweiten konnten sie nichts Verwertbares entlocken, doch der dritte erzählte im Austausch gegen eine großzügige Spende in seinen Hut von zwei Frauen, die ihm aufgefallen waren. Er habe sie in den letzten Tagen zwei Mal gesehen, “eine Öko und eine Grufti”, beide blond und mittelgroß und zwischen dreißig und vierzig. Sie nahmen alles auf, an das er sich erinnern konnte.

Es war bereits weit nach Mittag, also fuhren sie erst einmal zu Stavros Imbiss, um sich zu stärken. Danach kehrten sie zum Revier zurück und gaben die Beschreibung des Obdachlosen an die Techniker weiter, die eine entsprechende Suche in den Aufzeichnungen aller verfügbaren Überwachungskameras programmierten. Da der Zeitraum relativ groß war, würde es eine Weile dauern, bis die ersten Ergebnisse kamen. Anschließend erledigte Jessica noch einige notwendige aber wenig produktive Arbeiten, dann nahm sie erschöpft ihren Mantel und machte sich auf den Weg nach Hause.

Das Dunkelgrau des Regentages war dem Schwarz der Nacht gewichen. Es hatte aufgehört, zu regnen, aber die Straßen waren noch nass und die Pfützen schimmerten in allen Regenbogenfarben. Die Artemisstraße, in der das Revier lag, war eine der belebteren Straßen in der Innenstadt. Es war etwa eine Viertelstunde Fußweg von hier bis zu Jessicas Wohnung. In Gedanken versunken trottete sie los und kam bald durch einsamere Sträßchen und Gassen. Nur wenige Straßenlaternen leuchteten, doch sie kannte den Weg in- und auswendig und achtete kaum auf ihre Umgebung. Um so heftiger zuckte sie zusammen, als sie eine plötzliche Bewegung direkt neben sich sah. Sie fuhr herum. Vor ihr stand ein Mann, einen Kopf größer als sie und dunkel gekleidet. Er kam aus dem Schatten eines Hauseinganges heraus. Bevor sie reagieren konnte trat er noch einen Schritt auf sie zu, packte sie am Arm und zog sie in Richtung des Eingangs. Sein Atem stank nach billigem Schnaps. “He!” rief sie. “Lass mich los! Was willst du von mir?” Doch als seine Augen sie für einen Moment fixierten, meinte sie, die Antwort nur zu deutlich darin zu sehen. Es war nicht das erste Mal, dass sie diese seltsame Mischung aus Abscheu und Gier bei einem Mann sah. Ihr Puls raste. Sie spürte ihn in ihrem Hals und in ihren Schläfen pochen. “Hilfe! Loslassen! Hilfe!” rief sie, so laut sie konnte. “Halt’s Maul, Schlampe,” knurrte der Angreifer. “Dich hört eh niemand.” Jessica ahnte, dass er Recht hatte, oder vielmehr, dass niemand zu Hilfe kommen würde, selbst wenn jemand sie hörte. Verzweifelt versuchte sie, sich los zu reißen, aber sein Griff war zu fest. Instinktiv kehrte sie ihre Bemühungen um und versuchte stattdessen, den Fremden nach hinten um zu schubsen. Er taumelte kurz, stieß dann jedoch gegen die Hauswand und fing sich dadurch wieder. Während er noch unsicher auf den Beinen war, zog sie ihn mit dem Arm, den er fest hielt, wieder zu sich hin und schlug mit der freien Hand nach seiner Kehle. Doch er hatte entweder Glück oder gute Reflexe, und parierte mit seinem freien Arm ihren Schlag. Verzweiflung machte sich in ihr breit. Körperlich war sie ihrem Gegner nicht gewachsen, und durch die Überraschung war sie in einer schlechten Position für einen Kampf. Mit Hilfe von Passanten oder Anwohnern konnte sie nicht rechnen. Ihr blieb nur noch eine Möglichkeit. Sie gefiel ihr nicht, und sie war nicht unfehlbar, doch sie würde auf keinen Fall aufgeben und sich dem Willen dieses Scheusals beugen. Sie schloss für einen Moment die Augen und sammelte sich. Dann begann sie zu singen. Sofort lockerte sich der Griff des Angreifers ein wenig. Jessica sang ohne Worte, doch die Melodie erzählte vom Meer, von der Stille und der Tiefe und der Dunkelheit, von der Sehnsucht und der Unendlichkeit. Mit jeder Note löste sich die Hand des Mannes ein bisschen mehr. Sein Blick wurde leer, und sein Körper verlor die Spannung. Endlich ließ er sie ganz los. Er drehte sich von ihr weg und begann langsam zu gehen. Jessicas Stimme hallte durch die Häuserschluchten. Sie sang von geheimen Höhlen im Ozean, von versunkenen Städten voller Reichtümer und von unvorstellbarer Glückseligkeit auf dem Grund des Meeres. Der Fremde hatte einen Müllcontainer erreicht und kletterte an ihm hoch. Ohne ihren Gesang zu beenden setzte sich auch Jessica wieder in Bewegung, weiter die Straße hinab. Sie sah noch, wie der Angreifer auf dem Container stehend eine Feuerleiter zu sich herunter zog und begann, sie hinauf zu steigen. Dann war sie an ihm vorbei und sah nicht mehr zurück. Durch ihr Lied drang leise der metallische Klang von Schuhen auf Leitersprossen. Dann verstummte er. Ihr Lied mündete in ein subtiles Crescendo. Als sie die nächste Straßenecke erreichte, hörte sie einen dumpfen Aufprall. Sie erlaubte ihrem Gesang, langsam leiser zu werden und schließlich zu enden. Ihr Herz schlug wieder normal, doch sie fühlte sich noch elender und ausgelaugter als zuvor. Sie blinzelte Tränen aus ihren Augen und beschleunigte ihre Schritte. In fünf Minuten würde sie zu Hause sein. Sie würde ein Bad nehmen, sich unter ihrer Bettdecke verstecken, und versuchen, alles zu vergessen.

Kapitel 4

Der Regen war über Nacht zurückgekehrt. Er fiel aus dichten, dunklen Wolken, die das Licht des Morgens fast komplett verschluckten. Trotz seiner Trostlosigkeit hatte das Wetter für Jessica etwas Beruhigendes. Sie fühlte sich geborgen unter der Wolkendecke, und stellte sich vor, dass ihr Elend unter einer ähnlichen, dicken Decke begraben lag. Fast bedauerte sie es, als sie am Revier ankam und die grau-in-graue Stadt draußen zurück ließ. Diesmal war sie vor Tom im Büro. Sie hatte schlecht geschlafen, war früh aufgewacht und hatte sich früher als sonst auf den Weg zur Arbeit gemacht. Dafür ließ sie sich jetzt Zeit und holte sich erst mal einen Kaffee. Gesprächen ging sie aus dem Weg und setzte sich mit ihrer Tasse an ihren Schreibtisch. Sie schaute ein bisschen ziellos im Netz herum, doch schließlich öffnete sie doch ihren Nachrichteneingang. Sofort sprangen ihr zwei Betreffzeilen ins Auge, und alles andere war vergessen.

Wenig später kam Tom herein. “Na, ist der Fall schon gelöst?” witzelte er und warf seine braune Ledertasche schwungvoll auf seinen Tisch.

“So gut wie”, behauptete Jessica lächelnd. Sie drehte ihren Stuhl zu ihm herum und verschränkte die Arme. “Erst die gute oder erst die schlechte Nachricht?”

Tom tat so, als müsse er überlegen. “Die schlechte”, forderte er dann.

“Die Fingerabdrücke am mutmaßlichen Tatort sind nicht in der Datenbank.”

Tom runzelte die Stirn. “Warte mal, dann ist die gute Nachricht, dass Fingerabdrücke gefunden wurden?”

“Besser. Fingerabdrücke und Blutspuren. Das Blut passt zu den Opfern. Damit wird aus dem mutmaßlichen Tatort der tatsächliche Tatort.”

“Nicht schlecht”, gab Tom zu.

“Ist aber auch noch nicht alles. Wir wissen jetzt, wer die Opfer sind.”

“Mach es nicht so spannend”, beschwerte sich Tom.

“Katashi Sakamoto, 37 Jahre alt, wohnhaft in Arches, und Jadvyga Kavaliauskas, 33 Jahre alt, wohnhaft in Aschgarten. Beide haben für Hexachem gearbeitet, ein Chemie- und Pharmaunternehmen.”

“Wissen wir, ob sie in der Arbeit miteinander zu tun hatten?”

“Hatten sie. Sie haben am gleichen Standort und sogar in der gleichen Abteilung gearbeitet.”

“Dann ist vermutlich irgendein Projekt dieser Abteilung einem Konkurrenten in die Quere gekommen, es kam zum Streit, und der endete tödlich.”

“Wäre nicht das erste mal”, nickte Jessica.

“Dann sprechen wir zuerst mit ihren Kollegen, und dann überprüfen wir etwaige Angehörige.”

“Klare Sache. Habe doch gesagt, der Fall ist so gut wie gelöst.”


Das Navigationssystem führte sie zu einem schmucklosen, grauen Bürogebäude in der Nähe der Universität. Es stach aus der Umgebung heraus - die meisten Gebäude in Talpin waren kleiner und älter. Die Wolkenkratzer, die das Zentrum beherrschten, fehlten hier fast völlig. Eine bewaffnete Wache stand vor der Eingangstür.


Sie fuhren zuerst nach Aschgarten. Unterwegs unterrichtete Jessica Tom über die weiteren Details, die die Datenbank ausgespuckt hatte. “Jadvyga Kavaliauskas hat mit ihrer Frau, Amihan Marasigan, zusammen gewohnt. Marasigan ist Feinmechanikerin. Die beiden waren seit vier Jahren verheiratet. Sie hat Kavaliauskas vor vier Tagen vermisst gemeldet.”

Sie parkte den blauen Dienstwagen am Straßenrand vor einem großzügigen Stadthaus. Im ersten Stock brannte Licht. Tom spannte beim Aussteigen einen Regenschirm auf, ging zur Fahrerseite hinüber und ließ Jessica mit darunter. Sie gingen die wenigen Schritte zur Haustür. Jessica klingelte. Es dauerte einen Moment, bis die Tür geöffnet wurde. Eine zierliche Frau stand im Eingang und sah sie unsicher an. Sie hatte weiche Gesichtszüge und mandelförmige Augen, ähnlich wie Jessica, nur ihre Haut war etwas dunkler und sie war ein Stück kleiner.

“Guten Morgen, Polizei Bedlam. Ich bin Leutnant Nguyen und das ist Feldwebel Schleier. Sind Sie Amihan Marasigan?”

“Ja”, antwortete die Frau leise. “Wissen Sie etwas von Jadvyga?”

Jessica atmete tief durch. Todesnachrichten zu überbringen wurde auch im Lauf vieler Jahre nicht einfacher. “Es tut mir sehr Leid, Frau Marasigan. Jadvyga Kavaliauskas wurde gestern Abend tot aufgefunden.”

Marasigan wurde bleich und hielt sich am Türrahmen fest. “W-was ist passiert?” fragte sie mit zitternder Stimme. “Wo war sie?”

“Das werden wir heraus finden”, versprach Jessica. “Dafür müssten wir Ihnen ein paar Fragen stellen. Ist das in Ordnung?”

Ihr Gegenüber schluchzte und nickte. Sie ging voraus und führte Jessica und Tom durch den Flur in die geräumige Küche. Marasigan setzte sich auf einen Barhocker, der an einem Tresen aus dunklem Holz stand, und vergrub das Gesicht in den Händen. Die beiden Polizisten blieben stehen. Jessica gab ihr einen Moment Zeit, dann erklärte sie behutsam: “Ich darf momentan noch nicht über Einzelheiten sprechen, aber wir müssen von einem Verbrechen ausgehen. Wissen Sie von irgend jemandem, der ihrer Frau etwas antun wollen würde?”

Marasigan sah auf. Sie konnte die Tränen nicht ganz zurück halten. “Nein”, schluchzte sie und schüttelte den Kopf. “Das kann ich mir absolut nicht vorstellen.”

“Sie haben angegeben, dass sie am Donnerstag Abend nicht nach Hause gekommen ist. Wissen Sie, was sie an diesem Abend gemacht hat?”

“Sie musste länger arbeiten.”

“Kam das öfter vor?” hakte Jessica nach.

“Ja, hin und wieder.”

“Ist in der Zeit vor Frau Kavaliauskas’ Verschwinden irgend etwas Ungewöhnliches vorgefallen? Hat sie sich anders als sonst verhalten?”

Marasigan runzelte die Stirn. “Nein. Nein, mir ist nichts aufgefallen.”

“Der Vollständigkeit halber müssen wir Sie fragen, wo Sie am Sonntag zwischen zwölf und vierundzwanzig Uhr waren.”

“Ich war in der Arbeit bis gegen sieben, und danach zu Hause.”

“Nach neunzehn Uhr waren Sie allein?”

“Ja.”

Jessica nickte. “Sagt Ihnen der Name Katashi Sakamoto etwas?”

“Katashi… Ich weiß seinen Nachnamen nicht, aber ein Arbeitskollege von Jadvyga heißt Katashi. Sie hat ihn manchmal erwähnt, aber ich kenne ihn nicht persönlich.”

“Kann es sein, dass sie mit ihm zusammen war, als sie verschwunden ist?”

Marasigan überlegte kurz. “Ja. Sie haben wohl öfter zusammen gearbeitet.”

“Sie machen das großartig, Frau Marasigan.” Jessica lächelte ihr aufmunternd zu. “Wir sind auch bald durch. Wie war Ihr Verhältnis zu Ihrer Frau in letzter Zeit? Hatten Sie Streit oder sonstige Schwierigkeiten?”

Neue Tränen drängten in Marasigans Augen. “Nein, es war alles gut. Wir waren glücklich. Wir haben hart gearbeitet für das Haus. Wir haben über Kinder nachgedacht.” Sie schluchzte und versteckte ihr Gesicht wieder in den Händen.

“Dann war Ihre Frau Ihnen treu, nach allem was Sie wissen?”

“Ja”, sagte Marasigan tonlos.

Jessica wartete noch einen Moment, ob sie noch etwas hinzufügen würde, dann übertrug sie mit einer schiebenden Handbewegung ihre Kontaktdaten. “Vielen Dank für Ihre Hilfe, Frau Marasigan. Bitte melden Sie sich, falls Ihnen noch etwas einfällt. Wir lassen Sie es wissen, wenn wir etwas heraus finden.”

Marasigan nickte. Sie wirkte noch kleiner, so zusammen gesunken auf dem Barhocker. Schwerfällig richtete sie sich auf und begleitete die beiden wortlos zur Tür.

Jessica und Tom eilten unter dem Regenschirm zurück zum Wagen. Jessica steuerte ihn zurück auf die Hauptstraße. “Nächster Halt Arches. Katashi Sakamoto und Ndidi Otieno haben dort eine Wohnung. Sie haben dort seit einem Jahr zusammen gelebt; davor haben sie etwas mehr als ein Jahr in einer anderen Wohnung in Arches gewohnt. Sie sind nicht verheiratet. Otieno ist Krankenschwester und engagiert sich in einem Nachbarschaftshilfe-Verein.”

“Haben wir eine Vermisstenanzeige?”

“Negativ. Es könnte natürlich sein, dass sie Sakamoto nicht vermisst hat, aber ich denke, es liegt eher daran, dass die Leute in Arches ihre Angelegenheiten gerne ohne Polizei regeln. Man wohnt nicht in einem Stadtviertel, das von einer vier Meter hohen Mauer umgeben ist, wenn man nicht unter sich bleiben will.”

“Stimmt”, nickte Tom. “Es ist auch ungewöhnlich, dass Sakamoto einen Arbeitsplatz außerhalb hatte. Wer in Arches wohnt, arbeitet auch dort, hat seine Freunde dort… Manche Leute verlassen angeblich ihr Leben lang das Viertel nicht.”

Sie fuhren wieder über den Tey. Arches grenzte im Osten an Jottenhamn.

“Wir sollten auf jeden Fall mit Scorpion Security Kontakt aufnehmen”, meinte Jessica. “Als örtliche Sicherheitstruppe dürften sie eher das Vertrauen der Anwohner genießen. Scorpion wiederum war allerdings bisher uns gegenüber auch nicht immer sehr entgegenkommend.”

Sie fuhren ein Stück an der Mauer entlang, die Arches umgab. Klingendraht und Wachtürme ließen das Viertel abweisend wirken. Am Checkpoint, zu dem sie kamen, warteten zwei weitere Autos vor ihnen. Die Leute von Scorpion Security nahmen die Kontrollen sehr genau. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie an der Reihe waren. Die Polizei Bedlam hatte zwar garantierten Zutritt, aber dennoch mussten sie eine ausführliche Kontrolle über sich ergehen lassen. Sie mussten aussteigen, die Wachleute in den Kofferraum und auf die Rückbank sehen lassen und ihre Jacken aus- und wieder anziehen. Nach einem letzten kritischen Blick auf ihre Dienstmarken durften sie schließlich passieren. Jessica überlegte kurz, ob sie gleich den Fall ansprechen sollte, doch sie entschied sich dagegen. Vermutlich würde sie nur genervt an einen Kontakt in der Verwaltung verwiesen werden.

Nach ein paar Minuten hatten sie das Haus erreicht, in dem Otieno und Sakamoto ihre Wohnung hatten. Am Eingang waren mindestens drei Kameras sowie Klingeln für acht Parteien angebracht. Tom drückte den Knopf für Wohnung Nummer 6 im zweiten Stock, doch die Sprechanlage blieb stumm. Auch nach einem zweiten und dritten Versuch kam keine Reaktion.

“Niemand zu Hause”, stellte Tom fest.

“Ich versuche, Otieno anzurufen”, schlug Jessica vor. Sie legte eine Hand ans Ohr und blätterte mit der anderen die Kontakte durch, die in ihr Gesichtsfeld eingeblendet wurden. Sie wählte Ndidi Otieno, doch sie bekam keine Verbindung. Mit gerunzelter Stirn sah sie zu Tom und schüttelte den Kopf.

Tom zuckte mit den Schultern. “Versuch es später noch einmal. Aber wenn wir schon einmal hier sind, lass uns mal mit den Nachbarn sprechen.”

Jessica nickte. “Aber wenn jemand fragt, dann sind wir Bekannte der beiden.”

“OK.” Tom klingelte bei der Nachbarwohnung. Eine Frauenstimme meldete sich.

“Ja?”

“Guten Morgen. Entschuldigen Sie die Störung - Wir möchten zu Ndidi und Katashi. Wissen Sie zufällig, wann dort wieder jemand zu Hause ist?”

“Wer will das wissen?”

“Mein Name ist Tom. Ich kenne Katashi von der Arbeit.”

Ein paar Sekunden herrschte Stille im Lautsprecher. Dann sagte die selbe Stimme, “Ich weiß nicht, wo die beiden sind. Ich habe seit Tagen keinen rein oder raus gehen sehen.”

“Denken Sie, irgend etwas stimmt nicht?” hakte Tom nach.

“Nein… oder vielmehr… Ich glaube, die beiden hatten Streit. Aber das wissen Sie nicht von mir. Ich weiß eh nicht, was Sie das an geht. Versuchen Sie es doch ein andermal wieder.”

Ein Klicken signalisierte, dass die Sprechverbindung unterbrochen wurde.

Jessica zog die Augenbrauen hoch. “Seit Tagen?”

Tom schüttelte den Kopf. “Es muss nichts heißen, aber… Wenn Otieno zur gleichen Zeit wie Sakamoto verschwunden ist, dann wirft das einige Fragen auf.” Er sah nach oben zu einer der Kameras. “Wenn Scorpion sich nicht quer stellt, lässt sich das leicht überprüfen.”

Kapitel 5

Siobhan ließ ihre Tasche fallen und schob die Wohnungstür hinter sich zu. Sie streifte ihre Schuhe und Socken ab und tapste barfuß zur Küchenzeile, wo sie Wasser für einen Tee aufsetzte. Sie hatte heute nach der Arbeit keine Lust auf Gesellschaft gehabt, aber nicht, weil sie schlechte Laune hätte; im Gegenteil. Sie freute sich auf einen entspannten Abend zu Hause. Während das Wasser langsam heiß wurde, holte sie die Steuerung für die Audioanlage in ihr Gesichtsfeld und schaltete halblaute psychedelische Musik ein. Dann bückte sie sich zu einem der unteren Küchenschränke hinunter und holte eine unscheinbare Dose hervor. Sie öffnete sie, nahm mit drei Fingern eine Portion ihrer Spezialkräuter heraus, und ließ sie in eine Tasse fallen, die noch vom Frühstück auf der Arbeitsfläche stand. Vorsichtig goß sie heißes Wasser darauf. Sie ließ den Tee ziehen und nahm inzwischen im Bad ihre Kontaktlinsen heraus. Ohne sie wurde es zwar schwierig, Musik an oder aus zu machen, einen Anruf entgegen zu nehmen, oder auch nur etwas zu lesen, aber die Dinger den ganzen Tag zu tragen, wurde ihr meistens zu anstrengend. Denn Ohrhörer entfernte sie auch und legte ihn daneben. Blinzelnd holte sie ihren Tee und trug ihn zum Bett, das auch als Sofa diente. Mit einem Seufzen ließ sie sich in die Kissen sinken. Sie spitzte die Lippen und nippte an der Tasse. Sofort fühlte sie sich leicht und entspannt, obwohl die Kräuter noch gar keine Zeit zum Wirken gehabt hatten. Sie ließ die vertraute Musik durch sich hindurch fließen und trank in kleinen Schlucken. Ihre Gedanken wurden zu Wolken, die über den Himmel ihres Bewusstseins zogen. Die Welt schien immer kleiner zu werden und sich immer mehr auf einen Punkt auf ihrem unordentlichen Bett zu konzentrieren, und zugleich schien das ganze Universum in diesem Punkt gegenwärtig zu sein. Stunden vergingen, oder vielleicht nur Momente. Siobhan lächelte zufrieden.

Plötzlich schreckte sie hoch. War da ein Geräusch gewesen? Es fühlte sich nah und bedrohlich an. Sie brauchte einen Moment, um zu sich zu kommen. War sie eingeschlafen? Da war das Geräusch wieder. Jemand klopfte an ihre Tür. Sie erwartete niemanden. Ihre Gedanken waren langsam, aber sie fühlten sich an, als würden sie sich überschlagen. Während sie noch nachdachte, was überhaupt los war, stand sie automatisch auf und ging langsam zur Tür. Sie streckte ihre Hand nach der Türklinke aus, und obwohl eine Stimme in ihrem langsam wach werdenden Kopf schrie, nicht auf zu machen, griff sie zu, drücke die Klinke herunter und zog die Tür auf. Draußen standen zwei Personen, eine Frau mit asiatischen Zügen und ein mitteleuropäisch wirkender Mann, beide vermutlich Mitte dreißig. Die Frau war schlank und etwas größer als Siobhan. Ihre langen schwarze Haare waren akkurat hoch gesteckt. Unterhalb des eleganten schwarzen Mantels waren hohe schwarze Lederstiefel zu sehen. Ihr Gesicht war schmal und blass. Sie lächelte, doch es schien erzwungen. Sie wirkte müde. Der Mann war mehr als einen Kopf größer als sie und etwas untersetzt. Seine Haare waren kurz und dunkelblond. Er trug einen einfachen weinroten Pullover unter einer braunen Lederjacke. Eine schwarze Hose und braune Halbschuhe ergänzten seine zweckmäßige Garderobe. Sein Lächeln war nur angedeutet, aber wirkte freundlicher.

Siobhan war noch dabei, eine Begrüßung zu formulieren, da ergriff die Frau das Wort. “Guten Abend, ich bin Leutnant Nguyen und das ist Feldwebel Schleier.” Sie und Ihr Begleiter zogen Polizeimarken hervor und hielten sie Siobhan entgegen. “Sind Sie Siobhan O’Malley?”

“Ja”, brachte Siobhan heraus. Ein flaues Gefühl breitete sich in ihrem Magen aus. Die Polizei. Was nun?

“Dürfen wir herein kommen?” fragte Nguyen. “Wir würden Ihnen gerne ein paar Fragen stellen.”

Siobhan überlegte fieberhaft. Sie hatte noch immer Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, aber langsam fanden ihre Gedanken wieder geordnete Bahnen. Wenn sie die beiden weg schickte, machte sie sich nur verdächtig. Wenn sie sie herein bat, konnte sie hingegen einen Eindruck davon gewinnen, was die Polizei wusste. Vielleicht ging es sogar um etwas völlig anderes… Die Bilder und Gesichter, die sie für fast zwei Tage los gewesen war, drängten wieder in ihr Bewusstsein. Wieder schob sie sie von sich, doch es brauchte mehr und mehr Kraft.

“Natürlich.” Siobhan war zufrieden, wie ruhig sich ihre Stimme anhörte. Sie trat zur Seite und ließ die Besucher in die kleine Wohnung. Es gab nur eine Sitzgelegenheit, wenn man das Bett nicht zählte. Siobhan bot den Besuchern nicht an, sich zu setzen, doch das schien diese nicht zu stören. Der Mann - Schleier? - sagte zum ersten Mal etwas, und er kam gleich zur Sache. “Wo waren Sie am Sonntag zwischen zwölf und vierundzwanzig Uhr?”

Jegliche Illusionen, dass es um eine Bagatelle gehen könnte, waren damit geplatzt. Siobhan wusste genau, wo sie in diesem Zeitraum gewesen war, doch sie tat so, als müsste sie nachdenken, um Zeit zu gewinnen. Wie war die Polizei so schnell auf sie gekommen? Das flaue Gefühl in ihrem Magen verwandelte sich in einen Klumpen aus Eis.

“Ich glaube, ich war im Donarpark in Granna.” Besser, nahe an der Wahrheit zu bleiben. Dort hatte sie sich wirklich mit Anezka getroffen.

“Die ganze Zeit?” Schleier klang nicht ungläubig. Er suchte nur nach den Fakten.

“Ich bin gegen… sechs Uhr nach Hause gekommen.” Das wiederum war frei erfunden. Sie hatte weit früher den Park verlassen, aber war viel später heim gekommen.

“Waren Sie alleine?”

Siobhan zögerte. Am liebsten würde sie Anezka nicht erwähnen, um sie nicht in Gefahr zu bringen. Aber was, wenn die beiden schon bei Anezka gewesen waren? Bestimmt hätte Anezka sie dann kontaktiert. Andererseits, vielleicht hatte sie das auch versucht. Siobhan war offline gewesen seit… Wie spät war es überhaupt? Sie suchte automatisch die kleine Uhr rechts unten in ihrem Gesichtsfeld, doch ohne ihre Kontaktlinsen fehlte diese genauso wie das Symbol für ihren Nachrichteneingang. Es war dumm gewesen, sich nicht besser mit Anezka abzusprechen. Jetzt musste sie ein Risiko eingehen. Sie hoffte, dass die Polizei sie noch nicht beide ausfindig gemacht hatte, und dass sie also noch nichts von Anezka wusste. “Ja, ich war alleine”, behauptete sie.

“Hat jemand Sie gesehen?” Schleiers Fragen wollten kein Ende nehmen.

Siobhan schüttelte zögernd den Kopf. “Ich glaube nicht.”

“Wie sieht es mit vergangenem Freitag aus? Wo waren Sie um 18:15 Uhr?”

Siobhan lief es kalt den Rücken herunter. Freitag Abend musste sie auch in Jottenhamn gewesen sein. Wusste die Polizei das? Hatte jemand sie dort gesehen? Hatte Anezka doch schon geredet? Verzweifelt suchte sie eine halbwegs plausible Antwort. “Ich bin nach der Arbeit eine Weile spazieren gegangen.” behauptete sie. “Allein”, fügte sie hinzu.

“Wo?” fragte Schleier ruhig.

“In der Innenstadt. Und dann über den Fluss, ich glaube über die Bifrost-Brücke, und wieder zurück.” Das würde zumindest erklären, dass sie in Jottenhamn gewesen war. Sie fühlte sich in die Ecke gedrängt. Sie zitterte ein wenig, und ihr war schlecht. Sie musste schleunigst aus der Defensive heraus kommen. “Um was geht es denn eigentlich?” fragte sie möglichst unverbindlich.

Schleier warf seiner Kollegin einen Blick zu, und sie übernahm. “In Jottenhamn wurden in einem Schuttcontainer ein Mann und eine Frau tot aufgefunden. Wissen Sie irgend etwas darüber?”

Siobhan wollte schreien, oder weg laufen, oder sich verkriechen. Sie sah die beiden Gesichter jetzt deutlich vor sich, blass und leblos. Dass diese Polizistin es aussprach, machte es so furchtbar real. “Nein, tut mir leid.” Ihre eigene Stimme hörte sich fremd an. Nach außen hin leugnete sie noch, doch sie schaffte es nicht länger, sich selbst zu belügen. Sie hatte die vergangenen Tage aus ihrem Kopf verbannt, die Albträume ignoriert, die Schuldgefühle verdrängt, doch das hatte nichts ungeschehen gemacht. Es hatte eher alles schlimmer gemacht. Jetzt war die Polizei hier, und Siobhan war völlig unvorbereitet, und die Erinnerungen begannen, auf sie ein zu stürmen, und sie hatte ihnen nichts mehr entgegen zu setzen. Sie war am Ende.

Ihre Instinkte begannen, über ihren Verstand die Oberhand zu gewinnen. Ihre Gedanken, Befürchtungen und Erinnerungen traten in den Hintergrund, und ihre unmittelbaren Wahrnehmungen wurden deutlicher. Sie sah die beiden Polizisten mit anderen Augen. Sie nahm jedes Detail ihrer Körperformen in sich auf, verfolgte jede noch so kleine Bewegung, und stimmte ihre eigene Körpersprache darauf ab. Ihr Verstand registrierte, was geschah, und war entsetzt. Was, wenn die beiden durch Implantate geschützt waren? Oder wenn Ngyuen auch eine Norne war? Ein anderer Teil von ihr sehnte sich danach, ihrem Impuls nachzugeben, ihre Macht zu spüren, die Kontrolle zurück zu gewinnen. Sie hatte ihre Fähigkeit lange nicht benutzt, teils aus moralischen Gründen, teils aus Angst, erkannt und geächtet zu werden. Doch sie hatte nichts verlernt. Jede Faser ihres Körpers wusste, was sie tun musste. Sie sah Leutnant Nguyen direkt in die Augen und verlagerte ihr Körpergewicht vom linken Bein auf das rechte. Jede ihrer Bewegungen, mochte sie noch so beiläufig wirken, konnte ungeahnte Wirkung haben. Es war schwieriger, wenn sie sich auf zwei Personen gleichzeitig einstellen musste, doch sie vertraute ihrem Können. Nguyen und Schleier tauschten einen Blick aus. Gerade, als beide wieder zu ihr her sahen, ließ Siobhan wie zufällig ihre rechte Hand ihre Hüfte berühren. Sie öffnete ihren Mund ein klein wenig. Ihre Atmung verlangsamte sich. Es würde funktionieren, sie spürte es.

“Waren Sie… waren Sie am Freitagabend allein?” Nguyens Stimme klang unsicher. Ihre Bewegungen wurden langsamer.

“Ja.” Siobhan fuhr sich durchs Haar und löste den lockeren Pferdeschwanz. Ihre rotbraunen Locken fielen über ihre Schultern.

“Wurden Sie …”, begann Nguyen. Ihr Blick wurde starr. Auch Schleier sah aus wie tief in Gedanken versunken.

Siobhan verschränkte die Arme vor der Brust. Sie machte einen kleinen Schritt auf ihre beiden Gäste zu.

“Danke, das ist alles”, murmelte Nguyen. Sie und Schleier drehten sich im selben Moment um, dann verließen sie langsam und wortlos die Wohnung.

Als die Tür ins Schloss fiel erwachte Siobhan aus ihrer Trance. Benommen schloss sie hinter den beiden ab und ließ sich dann aufs Bett fallen. Einen Moment lang lag sie da wie erstarrt. Dann fing sie an zu weinen. Heftige Schluchzer schüttelten sie, als sie sich erlaubte, längst überfällige Gefühle zu fühlen. Warum, dachte sie. Warum nur? Was in Gaias Namen haben wir getan?


Jessica atmete tief ein, schloss die Augen und tauchte unter. Sekundenlang genoss sie es, vom Wasser komplett umschlossen zu sein. Der salzige Geschmack prickelte auf ihren Lippen und kitzelte ihre Nase. Die meisten Leute hätten die Temperatur viel zu kalt für ein Bad gefunden, ganz zu schweigen von der großzügigen Menge Salz, die sie dem Wasser zugesetzt hatte, doch für sie war es genau richtig - wie der Ozean nach einem Sommertag. Oh, wie vermisste sie den Ozean. Ihre regelmäßigen Bäder hielten sie einigermaßen bei Verstand, doch früher oder später würde sie zum Meer zurück kehren. Natürlich würde sie dafür Bedlam verlassen und tagelang durchs Niemandsland reisen müssen, und wenn sie Pech hatte, würde sie anschließend nicht mehr in die Stadt hinein kommen, doch das war es ihr wert. Das Meer war ein Teil von ihr, es floss durch ihre Adern und bestimmte ihre Gedanken, wie der Wald für eine Dryade oder die Hügel für eine Banshee. Sie tauchte wieder auf und atmete prustend aus. Dann lehnte sie sich zurück, die Augen immer noch geschlossen. Diese Frau, mit der sie gesprochen hatten, diese O’Malley… Irgendetwas hatte nicht gestimmt mit ihr. Sie hatte verwirrt oder abgelenkt gewirkt. Vielleicht hatte sie unter Drogen gestanden. Und dann, kurz bevor sie gegangen waren, hatte sich etwas verändert - die Art, wie sie sich bewegte, und wie sie Tom und Jessica ansah. Aus irgendeinem Grund hatte Jessica Schwierigkeiten, sich zu erinnern, wie genau das Gespräch zu Ende gegangen war. Konnte es sein… Sie schüttelte den Kopf. Selbst wenn es stimmte, durfte sie sich nicht davon beeinflussen lassen. Natürlich würde sie auf einer persönlichen Ebene eine Verbindung spüren, wenn O’Malley auch eine Norne war, doch ihre Ermittlungen musste sie davon trennen. Das schuldete sie der Gerechtigkeit und der Bevölkerung von Bedlam. Sie seufzte. Neugierig war sie allerdings schon.

Kapitel 6

Am nächsten Morgen war Jessica allein im Büro. Tom war unterwegs, um mit Ndidi Otieno zu sprechen. Jessica öffnete den Arbeitsraum des aktuellen Falls und fand ein neues Objekt: ein Video. Seppänen von der Technik hatte eine Notiz dazu geschrieben. Überwachungskamera CX4580, Muninweg, Jottenhamn, las Jessica. Das war ganz in der Nähe des Tatorts. Es folgte ein Datum - zwei Tage vor dem Fund der Leichen. Mögliche Übereinstimmung: Siobhan O’Malley. Jessica sah sich das Video an. Es war eine kurze Sequenz, in der zwei Frauen eine Straße entlang gingen. Mit etwas Phantasie konnte eine davon O’Malley sein, doch bei der mäßigen Qualität konnte man das kaum mit Sicherheit sagen. Die Metadaten gaben für die Übereinstimmung eine Konfidenz von 43% an. Eigentlich war es also wahrscheinlicher, dass es nicht O’Malley war. Andererseits erreichten solche Aufnahmen selten Werte über 70%. Und wenn sie es doch war, wurde der Tatverdacht plötzlich erheblich dringender. Sie war dann nicht nur in der Nähe des Arbeitsplatzes der Opfer gewesen, sondern auch kurz vor der Tat in der Nähe des Tatorts. Der Gedanke widerstrebte Jessica. War das ihr Instinkt, der sich meldete, oder sprach hier ihre Vermutung, dass O’Malley einen Norne war? Von letzterer durfte sie sich nicht leiten lassen. Andererseits konnte es ja durchaus sein, dass jemand anders wusste, dass sie eine Norne war, und umgekehrt versuchen wollte, ihr den Mord anzuhängen. Videos mit schlechter Qualität konnte man fälschen, oder man konnte mehr oder weniger passende Aufnahmen mit einer gefälschten Übereinstimmung versehen. War es nicht auch bemerkenswert, dass die Aufnahmen erst jetzt auftauchten, als sie schon Kontakt zu O’Malley gehabt hatten? Hatte die Auswertung wirklich so lange gedauert, oder hatte da jemand gewartet, bis sich ein passender Sündenbock präsentierte? Sie kannte Seppänen nicht gut genug, um über seine Einstellung zu Nornen Bescheid zu wissen. Aber er war ein Mann, und das war ja schon fast ein Indiz. Oder war er nur ein Mittelsmann, und jemand hatte ihn bestochen, erpresst oder getäuscht. Vielleicht war es besser, das erst einmal zu überprüfen, bevor sie O’Malley voreilig ins Zentrum der Ermittlungen rückten. Aber was würde Tom dazu sagen? Er war zwar nicht aktiv nornenfeindlich, aber auch er war ein Mann. Er würde Jessicas Argumentation nicht verstehen oder nicht akzeptieren. Mit dem Anflug eines schlechten Gewissens verschob Jessica die Datei in ihren privaten Speicher. Vermutlich hatte Tom sie noch nicht gesehen. Sie würde ihm das Video zeigen, aber noch nicht jetzt.

Eine halbe Stunde später rief Tom an. Sie bestätigte die Verbindung, und sein Avatar erschien zwei Armlängen entfernt in Jessicas Sichtfeld. “Sie hat ein Alibi”, verkündete Tom. “Sie war bei einer Freundin.”

“Die könnte sie decken”, gab Jessica zu bedenken.

Tom nickte. “Ich bin schon einen Schritt weiter. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass sie etwas verheimlicht. Sie war kurz angebunden; ich musste ihr die Informationen regelrecht aus der Nase ziehen. Vielleicht liegt es auch nur daran, dass ich von «draußen» bin, aber für alle Fälle bin ich gleich zu ihrer Freundin weiter gefahren. Sie wohnt auch in Arches.”

“Und hat sie das Alibi bestätigt?”

“Ja, aber jetzt wird es interessant. Nach ein paar Fragen zu Details hat sie angedeutet, dass Otieno und Sakamoto Streit hatten. Danach hat sie dicht gemacht und wollte nichts weiter sagen.”

Jessica zog die Augenbrauen hoch. “Je nachdem, wie schlimm der Streit war, und weswegen, kann sich da durchaus ein Motiv verstecken. Konntest Du heraus finden, warum sie Sakamoto nicht vermisst gemeldet hat?”

“Da wird es erst richtig mysteriös. Als ich Otieno danach gefragt habe, hatte ich den Eindruck, sie wüsste gar nicht, dass Sakamoto am Freitag nicht bei seiner Arbeit erschienen ist, sondern dächte, es ginge darum, dass er am Sonntag verschwunden sei. Jedenfalls behauptete sie, sie wollte lieber selbst Nachforschungen anstellen, als uns oder Scorpion Security zu verständigen. Allerdings konnte sie nicht recht ausführen, wie ihre Nachforschungen denn ausgesehen haben.”

“Irgend etwas ist da definitiv faul.”

“Auf jeden Fall”, bestätigte Tom. “Wir müssen versuchen, von SS Informationen zu bekommen.”

Kapitel 7

Bernhard steckte den Kopf zur Tür herein. “Jessica, da fragt jemand nach dir.”

Jessica runzelte die Stirn. Jemand kam aufs Revier und fragte spezifisch nach ihr? Wer konnte das sein?

“Vorne am Empfang”, fügte Bernhard noch hinzu und verschwand wieder.

Jessica stand von ihrem Stuhl auf. Tom sah zur ihr hinüber und hob die Augenbrauen. Auch er schien sich zu wundern, dass sie persönlich verlangt wurde. Sie zuckte mit den Schultern und verließ das Büro.

Im Foyer wartete eine Frau. Sie war um die vierzig und hatte schwarze Haut und Haare. Sie saß in einem Rollstuhl. Sie lächelte, als sie Jessica sah. “Hallo! Mein Name ist Yeshi. Ich bin eine Freundin von Siobhan.”

Jessica erwiderte höflich ihr Lächeln. “Jessica Nguyen, angenehm. Was kann ich für Sie tun?”

“Ich würde gerne etwas mit Ihnen besprechen, aber nicht hier. Wann machen Sie Mittagspause? In einer Stunde?”

Jessica sah auf die Uhr. “Das könnte ich einrichten. Aber um was geht es denn überhaupt?”

“Ich würde gerne über Siobhan O’Malley sprechen. So weit ich weiß, haben Sie sie in Zusammenhang mit einem aktuellen Fall befragt. Kommen Sie in einer Stunde an die Teypromenade, zur Charybdisbrücke.”

Jessica zögerte. Verschwendete diese Frau nur ihre Zeit? Aber konnte sie es sich leisten, eine mögliche Quelle von Informationen zu ignorieren? Sie nickte. “Ich versuche, mir Zeit zu nehmen.”

Am Fluss hatte sich wie so oft eine Nebelbank gehalten. Mit jedem Schritt wurde Jessica mehr vom feuchten Weiß eingehüllt. Es war kühl, und niemand sonst war auf der Promenade unterwegs. Die Sicht war gerade noch ausreichend, dass sie Yeshi ohne längere Suche fand. Diese lächelte wieder freundlich. Ihre Gesichtszüge waren von Sorgenfalten gezeichnet, und doch strahlte ihr Lächeln eine außergewöhnliche Wärme aus.

“Schön, dass Sie gekommen sind.” Yeshi setzte sich langsam in Richtung Osten in Bewegung, und Jessica lief neben ihr her.

“Ich hoffe, es hat sich gelohnt. Ich bin gespannt, was so wichtig ist, aber nicht im Polizeirevier besprochen werden kann.”

Yeshi nickte. Sie schien Jessicas vorwurfsvollen Ton nicht übel zu nehmen. “Siobhan hat sich mir anvertraut. Sie haben mit ihr gesprochen, richtig? Und sie haben sie nach einem Alibi gefragt. Wie es aussieht, haben sie sie als Zeugin befragt, nicht als Tatverdächtige. Vielleicht ergibt es sich ja, dass das auch so bleibt, vor allem, wenn Sie in Betracht ziehen, dass Siobhan… eine von uns sein könnte.”

Jessica wollte empört klar stellen, dass sie schon selbst entscheiden würde, wer als Verdächtige behandelt wurde und wer nicht, doch dann stutzte sie. “Eine von uns…” Sollte das heißen, das sowohl diese Yeshi als auch O’Malley Nornen waren? Bei O’Malley hatte sie ja sowieso schon so eine Vermutung gehabt. Und wenn ihre Gesprächspartnerin auch eine Norne war, dann gab es wahrscheinlich eine gemeinsame Bekannte, über die sie heraus gefunden hatte, dass auch Jessica zu ihnen gehörte. Doch würde das etwas an ihren Ermittlungen ändern? Sie schüttelte unwillkürlich den Kopf.

“Sie müssen jetzt nichts antworten. Ich bitte Sie nur, daran zu denken, wie schwer wir es haben, selbst wenn nicht gegen uns ermittelt wird. Sie kennen doch auch die latente Angst, die uns alle begleitet, die ständige Vorsicht, damit nicht ans Licht kommt, wer wir wirklich sind. Und Sie spüren doch auch die Verbindung zwischen uns allen. Wir sind Schwestern, und wir tun, was in unserer Macht steht, um einander vor Schaden zu bewahren.” Sie blieb stehen und drehte sich zu Jessica. “Selbst wenn Siobhan etwas weiß — überlegen Sie, ob es nicht mehr schadet als nützt, sie in die Ermittlungen hinein zu ziehen. Im momentanen Klima fehlt nicht viel, um wieder offene Feindseligkeiten aufkommen zu lassen. Sollte bekannt werden, dass eine Norne in einen Doppelmord verwickelt sein könnte, könnte das eine Kettenreaktion auslösen.” Sie breitete beide Hände vor sich aus. “Ich bitte Sie um nichts außergewöhnliches, nichts, das Sie nicht eh tun würden.” Einige Sekunden lang blickte sie Jessica an. Ihr Lächeln war diesmal verhaltener, aber nicht weniger warm. Ihre Augen spiegelten den Schmerz, den ihre Worte angedeutet hatten, aber auch die Verbundenheit, von der sie gesprochen hatte. “Vielen Dank, dass Sie mich angehört haben”, sagte sie schließlich. “Haben Sie noch einen schönen Tag!”

Jessica sah ihr nach, wie sie langsam im Nebel verschwand.

Kapitel 8

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Kapitel 9

“Siobhan? Hörst du überhaupt zu?”

Siobhan zuckte zusammen. Sie sah nicht auf, aber sie spürte, wie alle sie anstarrten. “Tut mir leid. Ich war… in Gedanken. Ich weiß auch nicht, was heute los ist.”

In Wirklichkeit wusste Siobhan durchaus, was los war, aber das machte es auch nicht besser. Sie konnte sich kaum auf die Arbeit konzentrieren. Ständig schweiften ihre Gedanken ab. Es ging ihr zwar etwas besser, seit sie mit Yeshi geredet hatte, aber sie wurde immer noch gequält von Bildern aus ihrer Erinnerung, der Angst, dass die Polizei wieder kommen würde, und einer generellen Verzweiflung und Ratlosigkeit.

Sie ertrug den Rest des Meetings, das zum Glück das letzte für heute war. Danach würde sie niemand vermissen, also packte sie ihre Sachen und ging. Fast automatisch führten ihre Schritte sie wieder ins Labyrinth. So früh am Abend war noch wenig los. Moira stand hinter dem Tresen und polierte Gläser. Als Siobhan sich auf einen Barhocker setzte, kam sie herüber und lächelte. “Hey Siobhan, alles klar?”

“Nicht wirklich”, gab Siobhan zu. “Aber ein Bier würde helfen.”

“Ich habe gerade ein Faß Suicide Sun angestochen. Das könnte was für dich sein. Und wenn du reden willst… jederzeit, ja?”

Siobhan nickte und erwiderte Moiras Lächeln. Wenig später stand ein Glas mit einer blass goldenen Flüssigkeit, gekrönt von einem Hauch Schaum, auf dem Tresen vor ihr.

“Es ist ein Pale Ale aus einer jungen Brauerei in Harth. Der Hopfen kann bei dem Preis nicht natürlich sein, ist aber richtig überzeugend, besonders, wenn man es zwei Grad wärmer serviert.”

Siobhan nahm einen Schluck und nickte anerkennend.

“Demnächst soll auch ein Schwarzes heraus kommen”, warf eine Stimme von der Seite ein. Siobhan sah nach rechts. Eine dunkelhäutige Frau in einem eleganten Hosenanzug setzte sich gerade auf den Barhocker neben ihr. Ein Glas mit dem selben Bier stand vor ihr. “Stimmt es eigentlich, dass die Eigentümer… Frauen sind?”

Siobhan horchte auf. Das kurze Zögern konnte heißen, dass sie eigentlich “Nornen” hatte sagen wollen, aber nicht sicher war, ob man hier offen sprechen konnte.

“Ja, das stimmt”, nickte Moira. “Und unabhängig von den Konzernen. Naja, so weit das eben geht”, fügte sie hinzu.

Eine anderer Kundin kam an die Bar, und Moira ging hinüber, um ihre Bestellung aufzunehmen.

“Ich finde es wichtig, solche kleinen Unternehmen zu unterstützen. Irgend etwas muss man ja machen.”

“Absolut”, bestätigte Siobhan. “Solidarität ist wichtig.”

“Ich bin übrigens Lexa.”

“Siobhan.”

“Freut mich.” Lexa hob ihr Glas, und Siobhan tat es ihr gleich.